Frau arbeitet in einem wissenschaftlichen Labor. Foto: Unsplash

Forscherinnen-Mangel – eine niederländische Uni greift durch

In keinem anderen Land der EU arbeiten weniger Frauen in der Wissenschaft als in den Niederlanden. Auch der TU Eindhoven fehlt es an Professorinnen und Mitarbeiterinnen. Die Lösung: Nur noch Frauen einstellen.

Foto: Mehr Frauen im wissenschaftlichen Labor – das will die TU Eindhoven. Credits: Unsplash/ThisisEngineering RAEng

Mehr als einhundert Jahre ist es her, dass in den Niederlanden die erste Frau zur Professorin ernannt wurde. Ihr Name: Johanna Westerdijk. Ab 1917 lehrte die Biologin an der Universität Utrecht. Mit ihrer Vorreiterrolle hätte sie den Weg für viele Professorinnen ebnen können, doch auch heute noch sieht die Situation von Frauen in Leitungspositionen an niederländischen Universitäten mager aus: 2020 liegt der Frauenanteil bei den Professuren gerade einmal bei um die 25 Prozent. 

Nicht nur an Universitäten fehlen Frauen in der Forschung

Eine Erhebung des Unesco-Institut für Statistik ergab außerdem, dass der Frauenanteil 2016 in der Forschung ebenfalls bei nur bei 25,8 Prozent lag. Die Definition „in der Forschung“ wird allerdings nicht weiter ausgeführt. Damit belegen die Niederlande im Unesco-Ranking im europäischen Vergleich den letzten Platz. Platz eins geht an Nordmazedonien mit einem Frauenanteil von 52,3 Prozent. Deutschland liegt abgeschlagen auf dem 38. Platz und mit einem Anteil von 28 Prozent (2015) nur drei Plätze vor den Niederlanden.


Eurostat, das statistische Amt der Europäischen Union, kommt auf ähnliche Werte: In ihrem Ranking liegen die Niederlande 2017 mit 26,1 Prozent auf dem letzten Platz und nur knapp davor, von Tschechien getrennt, Deutschland mit 27,9 Prozent. Ausgewertet wurden dabei Forschungs-Posten in verschiedenen Bereichen: der Unternehmens-, der Staats- und der Hochschulsektor sowie der Sektor „Private Organisationen ohne Erwerbszweck“.

Eine Uni handelt

Für eine niederländische Universität war das ein dringendes Zeichen zu handeln. Weil an der TU Eindhoven Professorinnen nur einen Anteil von 15 Prozent der Lehrkräfte ausmachten, entschließt sich die Uni 2019 zu einem drastischen Schritt: In den kommenden fünf Jahren sollten im Rahmen des Irène Curie Fellowship (ICF) nur Frauen eingestellt werden. Erst, wenn nach sechs Monaten keine geeignete Anwärterin gefunden ist, darf die Stelle für Männer freigegeben werden. 

„Unsere Mitarbeiter sollen dafür sensibilisiert werden, erst mal einen Blick auf weibliche Kandidaten und dann erst auf die männlichen zu werfen. In der Vergangenheit war es oft andersherum. Deshalb wollen wir ein positives Beispiel setzen, indem wir jetzt einfach mal Frauen priorisieren“, begründet Frank Baaijens, Rektor der TU Eindhoven, sein gewagtes Vorgehen gegen über dem Magazin Der Spiegel. Dass er damit auch auf Kritik stoßen würde, war ihm klar. Doch – so äußerte er sich gegenüber dem Magazin – andere Maßnahmen hätten nicht funktioniert, um mehr Stellen mit Frauen zu besetzen. 

Männer auch von Frauen bevorzugt

„Studien zeigen seit Jahren: Sowohl Männer als auch Frauen haben geschlechterspezifische Vorurteile. Wir tendieren teilweise ganz unbewusst dazu, uns eher für einen männlichen Kandidaten zu entscheiden“, so Baaijens weiter. Dass sich dieses Problem nicht allein auf die Niederlande bezieht, zeigt auch eine in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlichte Studie der Yale University aus dem Jahr 2012. Bei gleichem Bewerbungsschreiben und gleicher Qualifikation für den Posten einer Laborleitung wurde eher dazu tendiert, den männlichen Kandidaten als die Kandidatin einzustellen. Zusätzlich wurde dem männlichen Bewerber ein höheres Einstiegsgehalt und weitere Karriere-Förderungen angeboten. 

Projektstopp an der TU Eindhoven

2020 wurde das Projekt der TU Eindhoven jedoch auf Eis gelegt. Nach massiver Kritik und rund 50 Beschwerden an die Antidiskriminierungsstelle „Radar“ prüfte das niederländische Institut für Menschenrechte, kurz CRM, das Programm und stufte es laut Cursor, dem Uni-Magazin der TU Eindhoven, als unverhältnismäßig ein. 2021, lief es dann aber in veränderter Form wieder an. So kann eine freie Stelle nur im Rahmen des ICF-Programms ausgeschrieben werden, wenn der Frauenanteil in der Stellenkategorie bei unter 30 Prozent liegt. Von den betroffenen Stellen müssen außerdem 30 bis 50 Prozent im ICF ausgeschrieben werden. 

Laut Professor Kees Storm, Dozent an der TU Eindhoven, bietet diese Regelung genug Spielraum, um voranzukommen. Gegenüber dem Uni-Magazin Cursor äußert er aber auch Bedenken: „Ich befürchte jedoch, dass die interne Diskussion nun in eine falsche Richtung gelenkt wird und dass man nach rechtlichen Schlupflöchern sucht.“ Wie sich das Projekt der TU Eindhoven weiterentwickelt, bleibt also abzuwarten. Jedes Jahr soll das Programm, laut Vorstand des niederländischen Instituts für Menschenrechte, evaluiert werden, mit einem klaren Ziel: 2024 sollen dreißig Prozent der wissenschaftlichen Stellen mit Frauen besetzt sein. Bis zur Einstellung und Veränderung des Programms war das Geschlechterverhältnis bei Neuanstellungen an der TU Eindhoven fast ausgeglichen, hatte also durchaus Wirkung gezeigt. 

Wundersamer Spitzenreiter ist Nordmazedonien

Doch welche anderen Maßnahmen könnten noch ergriffen werden, um Frauen in der Forschung zu fördern? Wie hat es beispielsweise Nordmazedonien an die Spitze der Liste geschafft? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Denn laut des Deutschen Akademischen Austauschdienstes lag die Arbeitslosenquote in Nordmazedonien 2018 zwischen 15 und 20 Prozent, das Land sei wirtschaftlich schwach und das durchschnittliche Gehalt läge bei unter 400 Euro. Auch habe Nordmazedonien mit einem starken „Brain Drain“, also der Abwanderung qualifizierter Fachkräfte, zu kämpfen. Es ist also nicht ganz klar, wie das Land auf einen so hohen Frauenanteil in der Wissenschaft kommt.

Also müssen die Niederlande und Deutschland wohl vorerst weiter nach eigenen Methoden suchen, Frauen in der Wissenschaft zu fördern. Ein drastisches Vorgehen, wie das der TU Eindhoven, kann helfen, eine Diskussion über die Problematik zu forcieren.

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