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12/03/09

Klimawandel auf der Olivenplantage

Von Sophie Stigler

Bei der Ernte: Gianni Calmanti in seinem Olivenhain. (Foto: sos)

Es ist ein sonniger, warmer Tag. Ziemlich warm für November, selbst hier in der Region Tuscia, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Rom. In seinem kleinen Olivenhain ist Gianni Calmanti bei der Ernte. Er lässt kein Radio laufen, pfeift nicht, nur hin und wieder ruft er seiner Helferin etwas zu. Die Natur ist laut genug: Vögel zwitschern, der Nachbarshund bellt und der elektrische Pflücker rattert alle paar Sekunden. Rund hundert Bäume warten darauf, abgeerntet zu werden. Das ergibt knapp eineinhalb Tonnen Oliven, 200 Liter Olivenöl. Ein paar Flaschen behält Calmanti – für die Familie. Mit dem Rest verdient er sich etwas zur Rente dazu. Fällt die Ernte nicht gut aus, klimpert es weniger im Geldbeutel. Der Klimawandel könnte schon bald Calmatis Kontostand beeinflussen. Heiße Temperaturen und Trockenzeiten machen einem Olivenbaum nichts aus – wohl aber kleine Plagegeister, die sehr sensibel auf Klimaveränderungen reagieren: Olivenfliegen. In einer warmen und feuchten Saison können ihre Larven ganze Ernten von den Bäumen fressen.

Die neuen Bauernregeln: Klimaprognosen

Großbauern, die von der Olivenernte leben müssen, dürften sich schon eher für Prognosen interessieren, die die Zahl der Insekten vorausberechnen. So können die Bauern, falls nötig, rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen: zum Beispiel mehr spritzen oder möglichst früh mit der Ernte beginnen, wenn sich die Larven noch nicht entwickelt haben. Eine solche Simulation haben Klimaforscher der Nationalen Energie- und Umweltagentur in Italien (ENEA) entwickelt. Die Simulation verknüpft zwei Klimamodelle. Das erste berechnet Temperatur – auch die Höchst- und Mindesttemperatur der einzelnen Tage –, Regen, Feuchtigkeit und Windgeschwindigkeit auf 30 Kilometer genau. Daraus simuliert das zweite Modell die Entwicklung der Bäume: wann sie blühen und wie viele Früchte sie produzieren, und schließlich wie viele Insekten sich entwickeln. Bei einem Test des Programms mit Daten aus Sardinien entwickelten sich schon bei einem Temperaturanstieg von einem Grad deutlich mehr Larven der Olivenfliege.

Normalerweise orientiert sich ein Bauer einfach am Vorjahr. Wenn nun durch den Klimawandel in seiner Gegend die Temperatur steigt, passt er seine Strategie jedes Jahr gemäß den Erfahrungen aus den vergangenen Saisons an. Ganz so einfach ist das aber nicht. Auch wenn es über einen längeren Zeitraum im Mittel wärmer wird, kann es von Jahr zu Jahr große Schwankungen geben – aktuelles Wetter ist nun mal nicht gleich Klima. Immerhin einige dieser Schwankungen lassen sich mit Klimamodellen vorhersagen. Gerade in Italien werden Industrie, Tourismus und Landwirtschaft immer mehr auf solche Berechnungen angewiesen sein. War in den 1940er Jahren in Europa und Amerika die Atomphysik die Forschungsrichtung schlechthin, wird es in Italien bald die Klimaforschung sein, denn der Klimawandel wird in Italien in den nächsten Jahrzehnten deutliche Spuren hinterlassen. Das Mittelmeer ist – neben der Arktis und Antarktis – einer der Hotspots des Klimawandels, sagt Sandro Calmanti, Klimamodell-Experte bei ENEA. Schon in naher Zukunft wird es rund ums Mittelmeer trockener und wärmer (siehe O-Ton 1 in der rechten Spalte).

Düstere Klima-Zukunft für Italien

Wärmer: In der Sprache der Klimaprognosen bedeutet das ein Plus von 2,6 bis 5,0 Grad Celsius im Winter und 3,9 bis 6,4 Grad Celsius im Sommer für Norditalien, und jeweils etwas mehr für Süditalien. Das sagen die Szenarien des Europäischen Klimaprojekts Prudence für das Ende des 21. Jahrhunderts im Vergleich zu den 1960er bis 1990er Jahren voraus. Trockener: Nicht nur insgesamt werden die Niederschlagsmengen zurückgehen – zum Teil um über ein Viertel, wenn man die 2060er und die 1980er Jahre vergleicht. Es wird auch seltener regnen, ergaben Simulationen des Nationalen Geophysik-Instituts Italiens auf Basis von Prognosen aus einem der vier Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Dafür werden die Regenfälle heftiger, was wiederum Überflutungen und Erdrutsche wahrscheinlicher macht.

Doch allgemeine Voraussagen für ganz Italien oder sogar sämtliche Mittelmeerregionen zu treffen ist sehr schwierig: Die Landschaft verändert sich von Ort zu Ort extrem (O-Ton 2). Während etwa auf Sizilien immer längere Dürreperioden zukommen werden, wird für die Alpen in der Summe sogar mehr Regen vorausberechnet. Deshalb müssen Klimamodelle wie das zu den Olivenschädlingen in Italien bestenfalls auf wenige Kilometer genau sein.

Plagegeister: Die Olivenfliege legt ihre Eier in die Früchte. Ist die Saison besonders warm und feucht, entwickeln sich viele Larven - eine Missernte droht. (Foto: sos)

Rund ums Mittelmeer und auch drin findet sich alles, was eine Landschaft zu bieten hat: Gebirge von den Pyrenäen über die Alpen zu den Balkan-Gebirgsketten, italienische und griechische Halbinseln sowie große Inseln von den Balearen bis nach Zypern. Diese Vielfalt bringt extreme Wetter-Erscheinungen hervor, etwa den Mistral, jener Mittelmeer-Wind, der von französischen Flusstälern bis nach Sardinien pfeift.

Dazu kommt, dass am Mittelmeer das milde Klima Mitteleuropas und die tropischen Breiten des Südens aneinander grenzen. Zwischen all diesen Faktoren hat sich ein Gleichgewicht eingestellt, das sehr empfindlich gegenüber kleinen Klimaveränderungen ist. Es gilt als sicher, dass der Klimawandel hier enorme Auswirkungen auf die Menschen, die Landwirtschaft und die Industrie haben wird. Zum Beispiel sind die Alpengletscher im Sommer die wichtigste Wasser-Ressource für Norditalien. "Doch jetzt verschwinden diese Gletscher, so dass wir neue und effizientere Wege planen müssen, wie sich Wasser in Zukunft sammeln lässt", sagt Klima-Experte Calmanti. Der steigende Meeresspiegel könnte außerdem unzählige Gebäude entlang der Küste einholen.

Landwirtschaft ist Tradition – und Tradition ändert sich nicht

Bereits jetzt müssen Baufirmen sich also (auch) nach Klimaprognosen richten. Auch die Energieindustrie konsultiert Klimaforscher, wo sie Wind- und Wasserkraftwerke am besten platziert. Fehler wie in Sizilien in den 1950er Jahren werden die Konzerne schon allein der finanziellen Verluste wegen vermeiden wollen. Damals hatte man einen Damm gebaut, der auf große Wassermengen ausgelegt war – die es aber heute wegen der globalen Erwärmung gar nicht mehr gibt (O-Ton 3).

Die Landwirtschaft könnte genauso von den Klimaprognosen der Forscher profitieren – aber sie tut es nicht. Statt die Böden, die eh schon von den ersten Klimawandel-Folgen geschunden sind, zu schonen, setzen die Landwirte den Äckern nur noch mehr zu: An den Küsten wird für die Felder so viel Grundwasser aus der Erde geholt, dass Meerwasser von unten nachströmt und die Böden versalzt. Gerade Italiens Süden hat eine lange landwirtschaftliche Tradition: Olivenöl, Parmiggiano, Pasta und Chianti will hier keiner aufgeben, das mediterrane Sonnenwetter lässt Getreide und Obst hervorragend gedeihen. Nur ist gerade im Süden eigentlich nicht mehr genug Wasser da. In Sizilien hat die zentrale Wasserversorgungsorganisation seit 2000 fast jedes Jahr den Wassernotstand ausgerufen. Auch die Bauern zeigen wenig Einsicht, dass sie grundlegend etwas ändern sollten: Statt für die Zukunft vorzusorgen, schauen sie nur auf ihre aktuelle Lage, wie Massimo Iannetta von der ENEA begründet (O-Ton 4).

Dabei gäbe es viele Möglichkeiten für die Bauern, wassersparender anzubauen, etwa indem sie Wasser aufbereiten oder genügsamere Weizensorten verwenden. Immerhin manche Bauern versuchen, auf den Klimawandel zu reagieren. Große Veränderungen sind jedoch selten. Doch wenn irgendwann gar kein Wasser mehr da ist, werden die Landwirte umdenken müssen. Notfalls auch umziehen. Der Weinanbau müsste in höhere Lagen verlegt werden, weil es in den Tälern zu warm wird – und der Wein damit zu süß (O-Ton 5).


Dieser Beitrag entstand im Zuge des Projekts "relate - REsearch LAbs for TEaching journalists" (1st session, November 2009;  Homepage).


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WHO-Report

"Environment and health risks from climate change and variability in Italy": So lautet der Titel eines Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Institut für Umweltschutz und -forschung (ISPRA, früher APAT). Darin werden anhand von internationalen Forschungs-ergebnissen die Folgen der Globalen Erwärmung in Italien sowie Lösungs-vorschläge für die bevorstehenden Probleme vorgestellt. ( Zum Download)

Klimawandel in der Mittelmeer-Region

Das Projekt CIRCE wird vom 6. Rahmenprogramm der EU gefördert und entwickelt Modelle zur Klimafolgenforschung in der Mittelmeerregion, also in Südeuropa, in Nordafrika und im Nahen Osten. ( Zur Projekt-Homepage mit unfangreicher Multimedia-Gallerie)


O-Ton 1: "Arktis - Antarktis - Italien"

Sandro Calmanti, Modell-Experte im Labor Klimamodelle der nationalen italienischen Energie- und Umweltagentur (ENEA), über die Hotspots des Klimawandels (0,67 MB; 0:28 min)


O-Ton 2: "Küste, Berge, Täler innerhalb nur weniger Kilometer"

Alessandro dell’Aquila, Experte für Ökosystem-Modelle im Labor Klimamodelle (ENEA), über eine vielfältige Landschaft (1,22 MB; 0:53 min)


O-Ton 3: "Es wurden Wasserwerke gebaut, die heute nutzlos sind"

Sandro Calmanti, Modell-Experte im Labor Klimamodelle (ENEA) nennt Beispiele, wo der Klimawandel eingeplant werden muss (1,23 MB; 0:54 min).


O-Ton 4: "Solange noch etwas Wasser da ist, werden die Bauern kaum etwas ändern"

Massimo Iannetta, Gruppo lotta alla desertificazione (Gruppe zum Kampf der Wüstenbildung, ENEA), über mangelnde Einsicht (0,99 MB; 0:42 min)


O-Ton 5: "Süßer Wein für alte Damen"

Alessandro dell’Aquila, Experte für Ökosystem-Modelle im Labor Klimamodelle (ENEA), über den Grund, warum Weintrauben zukünftig zu süß sein werden (0,98 MB; 0:42 min)


O-Ton 6: "Wir brauchen ein Bewusstsein für das Problem"

Massimo Iannetta, Gruppo lotta alla desertificazione (Gruppe zum Kampf der Wüstenbildung, ENEA) über eine große Herausforderung (0,70 MB; 0:29 min)


O-Ton 7: "Wir brauchen gute Pläne"

Sandro Calmanti, Modell-Experte im Labor Klimamodelle (ENEA) über die Zukunft (0,43 MB; 0:18 min)



Reise nach Ländern:

Reise nach Themen:

Klima und Kunst | Was Bilder über das Wetter von früher erzählen

Quelle: Wikimedia Commons

Allzu oft lassen uns Meteorologen mit ihren Wettervorhersagen im Regen stehen. Doch nicht nur mit dem Blick in die Zukunft tun sich die Wetterfrösche schwer: Auch die Witterungsverhältnisse von früher können Klimaforscher nur schwer nachvollziehen. Wie alte Gemälde ihnen dabei helfen, erfahren Sie  hier.


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