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03/14/11

Leere Labore | Nachwuchssorgen der Forschung

© julosstock / stock.xchng

Von Maria Latos

Das 21. Jahrhundert, in einer Zeit in der das Klonen möglich ist, Touristen ins All geschickt werden und der Urknall plausibel erklärt werden kann, scheint es, als hätte die Welt mehr Wissenschaftler als jemals zuvor. Vor allem sieht es so aus, als würde der Nachschub an Forschern nicht versiegen. Doch der Schein trügt: Europa braucht mehr junge Wissenschaftler! Doch es gibt einen guten Grund, warum Hochschulabsolventen keine wissenschaftliche Karriere anstreben.

Die Zahl der Postdoktoranden, also derjenigen, die nach der Promotion weiter in der Forschung arbeiten, sinkt. Das Problem bestehe seit einigen Jahren, sagten Wissenschaftler und Politiker unisono auf dem EuroScience Open Forum in Turin im Juni 2010. Bereits 2003 berief deswegen die Europäische Kommission die High Level Group (HLG) on Increasing Human Resources for Science and Technology, um die Ziele des Lissabon-Vertrags aus dem Jahre 2000 anzugehen. Der Vertrag sah vor, dass Europas Wissenschaft wettbewerbsfähiger werden sollte. Um das Ziel zu erreichen, forderte die Europäische Kommission, den Anteil des Bruttoinlandsproduktes, der in die Wissenschaft investiert wird, bis zum Jahr 2010 von 1,9 Prozent auf 3,0 Prozent zu erhöhen. Um das Ziel zu erreichen, wäre eine halbe Million zusätzlicher Wissenschaftler nötig, schätzte die HLG. Das Fazit im Jahr 2010: Die Ziele sind nicht erreicht worden.

Schlimmer noch: Der Trend entwickelt sich genau in die entgegengesetzte Richtung. So ergab der Abschlussreport der High Level Group einen deutlichen Rückgang bei den Studierenden in den Naturwissenschaften. Besonders extreme Beispiele sind Großbritannien, Deutschland, Frankreich und die Niederlande. So fiel in Großbritannien die Anzahl an Studierenden, die Physik wählten, von 1991 bis 2000 um 21 Prozent. Als besonders hervorstechendes Beispiel für Frankreich wurde in dem Report die Universität Straßburg herangezogen. Vom Wintersemester 1995/1996 bis 1999/2000 nahmen die Einschreibungen in Physik, Geowissenschaften und Chemie um 47 Prozent ab und in Mathematik um 29 Prozent. Auch in Deutschland lässt sich ein Rückgang der Studierenden in den Naturwissenschaften verzeichnen: zwischen den Jahren 2004 und 2007 studierten 14 Prozent weniger ein naturwissenschaftliches Fach.

Diese Zahlen alarmieren. Zumal nicht jeder Studierende nach dem Studium promoviert, geschweige denn auch noch danach als Wissenschaftler arbeitet. "Nur 4700 von 10.000 derjenigen, die ein Studium angefangen haben, promovieren und bleiben nach ihrem Doktor an der Hochschule für die Postdoc-Phase", sagt Helga Nowotny. Sie ist Soziologin, Wissenschaftsforscherin und Präsidentin des European Research Councils (ERC). Die Zahl wird schließlich noch kleiner: Von den 4700 Postdocs bleiben 1410 an der Hochschule für eine frühe Forschungskarriere – und lediglich etwa 165 von ihnen arbeiten ihr ganzes Berufsleben lang als Wissenschaftler. Einen Professoren-Titel erwerben später von anfänglich 10.000 Studierenden gerade mal 21 Absolventen.

Heutzutage entscheiden Rankings über den Wert eines Wissenschaftlers

Doch warum gehen immer weniger junge Leute in die Wissenschaft beziehungsweise bleiben dort? Elisabeth Adegbesan ist im Sommer 2010 26 Jahre alt und an der Turiner Universität in Pharmazie eingeschrieben. Sie ist sich sicher, dass die Ansprüche früher ganz anders waren als heute: "Früher war es viel einfacher, Wissenschaftler zu werden. Heute hat man viel mehr Hürden. Eine ist Geld, denn es gibt weniger Möglichkeiten und Jobs in der Wissenschaft." Soziologie-Professorin Nowotny mutmaßt, dass die jetzige Generation ihre Karriereaussichten als zumindest zweifelhaft einschätzt: "Was sie besonders verunsichert, ist das Gefühl, nicht genau zu wissen, was von ihnen verlangt wird und wie sie das einzuordnen haben."

Philip Campbell, Chefredakteur des Wissenschaftsmagazins "Nature", hat für dieses Phänomen eine einfache Erklärung: "Das Wissenschaftssystem ist momentan ein dummes System." Es sei vor allem ein System, in dem Ranglisten, so genannte Rankings, über die Zukunft der Menschen entscheiden und Publikationen mehr Wert sind als die Ideen der Wissenschaftler – weil die Selektion in Europa vor allem mit Hilfe von Rankings funktioniere. "Europäische Universitäten sind Ranking-besessen. Es geht ums Selektieren", sagt die Soziologin Nowotny. "Und das zerstört jede Idee von Kreativität in den jungen Leuten. Es ist der falsche Weg, Menschen zu sich zu holen, um ihnen dann zu sagen, dass sie nicht erwünscht sind."

Neben den Universitäten werden auch Journale "gerankt", in denen die jungen Wissenschaftler publizieren, ebenso Institute und Organisationen. Sogar der Impact Factor, der einst entwickelt worden war, um den Einfluss einzelner Fachjournale zu messen, wird jetzt auch auf Personen angewendet. Das sieht Nowotny als Problem: "Die Universitäten müssen die Grenzen, die diese scheinbar objektiven Indikatoren haben, viel deutlicher sehen. Ein Indikator misst ja immer etwas. Und wenn ich nicht genau weiß, was gemessen wird, wie diese Messung zustande gekommen ist oder wie der Indikator erstellt wurde, dann entsteht einfach eine falsche Sicherheit. Und diese Zahlen beginnen dann ein Eigenleben."

Dieses Eigenleben wirkt sich dramatisch auf die Arbeit der jungen Forscher aus, meint Marcela Linková vom Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik: "Man bewertet Menschen nach dieser Nummer. Und genau das verändert das Verhalten – und zwar in einer Art, dass es zu unverantwortlicher Wissenschaft führt. Es führt zu einer unverantwortlichen Praxis, weil sich die Menschen nur noch auf das Publizieren konzentrieren und weniger aufs Verifizieren."

Früher ging es um Individualität, heute um Mainstreaming

Für Ulrike Felt, Professorin für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien, ist es wichtig, dass sich das Verhalten und die Einstellung dieser jungen, kreativen Menschen verändert: "Heute sind die Menschen davon besessen, Karriere zu machen. Die jungen Menschen sehen ihr Leben nicht mehr als eine Biographie an, als etwas, was aufgebaut werden kann, sondern sie denken von ihrem Leben als einer Karriere. Doch eine Karriere entwickelt sich nicht wie eine Biographie, sondern ist statisch, strukturiert und bewegt sich nur von Ort zu Ort."

Deswegen ist der Diskurs zum Thema "Wissenschaft und Karriere" spannungsgeladen: Zum einen werden oft Worte wie "Passion", "Leidenschaft" oder "Liebe" im Zusammenhang mit Wissenschaft verwendet. Zum anderen geht es bei einer wissenschaftlichen Karriere um strategische Entscheidungen und cleveres Handeln. "Das sind also nicht gerade zwei Aspekte, die Hand in Hand gehen müssen", sagt Felt. Deswegen fragt sie sich: "Auf was schaut das System wirklich? Ich glaube, das hat sich im Gegensatz zu früher total stark geändert."

Die jungen Wissenschaftler werden durch das System in einen Strom gerissen. Einen Strom, der keine Unregelmäßigkeiten oder Unterbrechungen in der Karriere mehr zulässt. Es gibt weniger junge Wissenschaftler, die über Umwege in die Wissenschaft gefunden haben, wie es früher öfter der Fall gewesen ist. Heutzutage würden fast alle mit dem Strom schwimmen, bedauert Nowotny. "Und wer nicht mit dem Mainstream schwimmt, der hat in der Wissenschaft keine Chance."

Viele junge Forscher sind sich dessen bewusst. Und die Gewissheit, dass sie es schaffen werden, die hat keiner von ihnen. "Es ist diese Unsicherheit, die bei den jungen Wissenschaftlern dann zu stark überhandnimmt und eben auch dämpfend wirkt auf die Kreativität oder die Leidenschaft, die für die Wissenschaft da sein muss", sagt Nowotny.

Vor allem eines brauchen junge Wissenschaftler: Geduld

Um doch noch weit zu kommen brauchen die jungen Menschen heute viel mehr als den Willen, permanent die beste Leistung zu erzielen: Sie brauchen vor allem Durchhaltevermögen und viel Geduld. Eine 2002 veröffentlichte  Statistik der National Institutes of Health (NIH) in den Vereinigten Staaten ergab: Im Jahr 2001 gingen nur 2,5 bis 3,8 Prozent der vom NIH verteilten Zuschüsse an Wissenschaftler unter 35 Jahren – 1980 waren es noch 22 Prozent. Im Durchschnitt erhalten Wissenschaftler heute ihren ersten NIH-Zuschuss erst im Alter von 42 Jahren. Zum Vergleich: Thomas Robert Czech, Albert Einstein und Marshall Warren Nirenberg haben um dieses Alter herum ihre Nobelpreise erhalten. 

Für viele zahlen sich die Arbeit und die Zeit, die sie in ihre Karriere als Wissenschaftler gesteckt haben, wohl nicht aus. Zumal noch die schlechte Bezahlung und viele Überstunden hinzukommen. Elizabeth Adrgbesan wusste bereits zu Beginn ihres Studiums, dass sie in Turin als Wissenschaftlerin keine Zukunft haben wird: "Einige der klügsten Köpfe haben Italien verlassen, weil ihnen das Land einfach keine guten Möglichkeiten bot. Wir werden abwarten, aber ich denke, auch ich werde es in einem anderen Land versuchen."

Auch die Soziologin Nowotny blickt skeptisch in die Zukunft: "Wir haben einen Wendepunkt in der Hinsicht erreicht, wie wir eine wissenschaftliche Karriere definieren, aber in welche Richtung diese Definition führen soll, ist noch nicht ganz klar." Die Zahlen zeigen deutlich: Wenn 53 Prozent nach ihrer Promotion nicht in der Wissenschaft bleiben, muss es entweder für sie eine attraktivere Karriere außerhalb der Wissenschaft geben, oder einfach keine Perspektive für sie innerhalb der Wissenschaft.

Das System sollte also verändert werden. Konkrete Verbesserungsvorschläge der Experten sind jedoch nicht ad hoc umzusetzen. Auch wenn die Europäische Kommission mit dem  HLG-Report "Europe needs more scientists" die Probleme der Wissenschaftler analysiert und 27 Vorschläge für Richtlinien entworfen hat, so bleibt nur abzuwarten, ob die Politik diese Vorschläge annimmt. Immerhin funktioniere das Selektionsprinzip für die Universitäten und Institute momentan noch gut, meint Ulrike Felt. Erst wenn in ihren Laboren keine jungen Menschen mehr an der wissenschaftlichen Zukunft arbeiten, werden sie wohl anfangen zu realisieren, dass Menschen nicht nur nach einer Nummer auf dem Zeugnis bewertet werden können, und dass Wissenschaft noch mehr ist als Zahlen und Formeln.

Video: Junge und reife Wissenschaftler über die Zukunft der Forschung (3:25 min, 18,5 MB):


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2010.







Mehr zum Spezial "Zukunft der Wissenschaftler"

Interview | Karriere fernab des Labor:
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Projekttag | Logbuch einer Ausfahrt:
Kieler Schüler arbeiten einen Tag lang auf dem Forschungsschiff "Alkor" wie richtige Wissenschaftler. ( zum Text)

Link-Tipps

Untersuchung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (2008):  "Das Studium der Naturwissenschaften. Eine Fachmonographie aus studentischer Sicht"

Datenbank "EuroStat" der Europäischen Kommission:  Aktuelle Zahlen zur "Human Resources in Science and Technology"

Journal Impact Factor

Der Journal Impact Factor (JIF, Impact Factor) gibt an, wie oft Fachzeitschriften in anderen Fachzeitschriften zitiert werden. Dabei gilt, dass die Zeitschrift umso angesehener ist, je öfter sie zitiert wird. Die Berechnung des JIF erfolgt nach folgender Formel: Zahl der Zitate im Bezugsjahr auf die Artikel der vergangenen zwei Jahre / Zahl der Artikel in den vergangenen zwei Jahren. (mal)


Warum sollte man trotz Misere Wissenschaftler werden?

Diese Frage hat science-guide.eu auf dem EuroScience Open Forum 2010 gestellt. Drei Forscherinnen antworten:

© Marcela Linková

Marcela Linková,

Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften, Tschechische Republik:

"Weil es Spaß macht. Es ist schön, wenn man das, was einem Spaß macht, hauptberuflich tun kann. Man kann über ein Thema, das man studiert hat, nachdenken. Man kann wirklich tief in dieses Thema einsteigen, um dann neue Ideen zu entwickeln, die man mit Kollegen austauschen kann. Ich meine, dass es Spaß macht und dass es ein wichtiger Job ist. Ich denke aber auch, dass nicht jeder Wissenschaftler sein kann, weil man dafür ein bestimmter Typ Mensch sein muss. Aber die wenigen Personen, die Wissenschaftler werden wollen und das auch für eine lange Zeit, sollten ermutigt werden."

© Helga Nowotny

Helga Nowotny,

Soziologin, Wissenschafts-forscherin und Präsidentin des European Research Councils (ERC), Schweiz:

"Nicht alle sind für die Wissenschaft berufen, aber wenn man das innere Feuer hat, dann sollte man dem folgen. Und diejenigen, die dann letzten Endes ihrer Überzeugung und ihrer Leidenschaft folgen, die finden ihren Weg. Es mag nicht immer der einfachste und nicht der geradlinigste sein. Wir wissen aus der Wissenschaftsgeschichte, aber auch aus vielen Geschichten eben von Wissenschaftlern heute: Es gibt schwierige Karrieren. Aber wenn man sich nicht beirren lässt und gut ist, dann funktioniert das. Insofern sage ich: Macht das, was euch bewegt; macht das, was euch eben auch Freude bereitet an wissenschaftlicher Arbeit; und lasst euch nicht zu sehr beeindrucken und erschrecken von dem, was ihr da hört! Wenn ihr gut seid, dann wird das anerkannt werden."

Ulrike Felt,


Professorin für Wissenschaftsforschung, Universität Wien, Österreich:

"Man sollte sich diese Passion, die man für die Wissenschaft empfindet nicht nehmen lassen. Und deshalb finde ich, man sollte ein System nicht so sein lassen, wie es ist. Veränderungspotential kommt immer auch von unten. Ich glaube, das wäre ein Punkt, wenn ich sage: Ich habe ein Interesse dafür, eine Leidenschaft dafür." Dann würde ich mir das einfach nicht nehmen lassen und ich würde mich einsetzen dafür. Es sind natürlich oft Dinge, die über Generationen andauern: Versucht, Arbeitsbedingungen zu verändern, Möglichkeitsräume aufzumachen und so weiter! Und ich sehe keinen Grund, nicht in die Wissenschaft zu gehen. Ich sehe aber mehr als genug Gründe, sie nicht so zu nehmen, wie sie ist."


Reise nach Ländern:

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Einsame Spitze | Frauen in der Forschung

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