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03/14/11

Projekttag | Logbuch einer Ausfahrt

Von Maria Latos

Schwentinental, Kieler Förde, 07:45 Uhr: Der Aufbruch

Die Sonne steht tief am Himmel und der Morgendunst liegt noch träge über dem Ostseewasser in der Schwentinemündung. In den Augen der jungen Schüler spiegelt sich die Müdigkeit des Morgens wieder. Keiner sagt etwas. Der Wind hingegen pfeift laut und kräftig von der Kieler Förde zum Land; er peitscht die Wellen gegen die Betonmauer des Anlegers. Es ist kalt. Die Ruhe des Morgens wird abrupt durch ein lautes Horn gestört.

Schüler der Freien Waldorfschule in Kiel auf dem Forschungsschiff "Alkor". © IFM-Geomar

Zwei Schülerinnen betrachten die gesammelten Proben aus der Ostsee. © IFM-Geomar

Schüler messen den Sauerstoffgehalt im Ostsee-Wasser. © IFM-Geomar

Manchmal braucht man mehrere Meinungen, um die Algen zu bestimmen. © IFM-Geomar

Probenentnahme aus einem Sedimentkern vom Meeresboden. © IFM-Geomar

Das Projekt kooperiert mit dem Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft". © IFM-Geomar



In der engen Mündung der Schwentine erscheint ein riesiges Schiff. Fast hoheitsvoll gleitet es langsam und mit einer gewissen Leichtigkeit auf den Anleger zu. Mit plötzlich wachen Augen beobachten die Schüler, wie das 55 Meter lange  Forschungsschiff "Alkor" des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften ( IFM-Geomar) fast die Hälfte des Schwentinetals für sich in Anspruch nimmt. Heute ist das 55 Meter lange und 13 Meter breite Forschungsschiff nur für die Schüler der Freien Waldorfschule Kiel unterwegs, denn die Kinder nehmen an dem Projekt "NaT-Working Meeresforschung" des IFM-Geomar teil: Sie werden heute wie echte Wissenschaftler mit der "Alkor" ausfahren und die Kieler Förde untersuchen.

Schwentinetal, Deck der "Alkor", 08:00 Uhr: Das Projekt

Das  Projekt "NaT-Working Meeresforschung" ist ein Kooperationsverbund des IFM-Geomar mit ausgewählten Partnerschulen in Kiel und Umgebung. Schüler sollen am Beispiel der Meereskunde erfahren, wie faszinierend Naturwissenschaften sind – ein simples Konzept. Für heute bedeutet das: Die Schüler arbeiten unter Anleitung eines Wissenschaftlers selbst auf dem Forschungsschiff.

Joachim Dengg auf dem Forschungsschiff "Alkor". © IFM-Geomar

Für Joachim Dengg, Ozeanograph und Botschafter des NaT-Working Meeresforschung Projekts, werden so Grenzen überschritten: "Es sind Grenzen dessen, was man sich so zutraut. Auf wissenschaftlicher Seite ist oftmals das Problem, dass viele Wissenschaftler erst einmal gar nicht wissen, wie sie mit der Öffentlichkeit reden sollen. Vor allem bei Schülern fragen sie sich: Wie rede ich mit denen, was kann ich voraussetzen und was nicht?" Doch auch die Schulen seien unsicher und trauten sich wohl nicht an die Wissenschaftler heran, hat Dengg beobachtet.

Damit die Schüler auch richtig arbeiten können, werden von der Crew viele Gerätschaften und große Stahlkisten an Bord gebracht. Tuschelnd und unsicher stehen die Jungen und Mädchen auf dem Deck und schauen bei der Verladung zu, bis das Schiff endlich ablegt. Der Wind weht kräftig in der Kieler Förde und der Wellengang lässt das Forschungsschiff unruhig im Ostseewasser hin- und herschaukeln. "Wenn ihr merkt, dass euch ein wenig übel wird, dann schaut auf den Horizont oder das Ufer der Förde", rät ein Crew-Mitglied einem Mädchen, das mit blassem Gesicht an der Reling steht.

Kieler Förde, Deck der "Alkor", 08:30 Uhr: Interesse wecken

Während das Forschungsschiff langsam durch die Wellen zum ersten Forschungspunkt gleitet, erforschen die Schüler das Schiff, bestaunen die kleinen Kojen im Inneren des Bugs und begrüßen den Kapitän auf der Brücke. Das Projekt NaT-Working existiert seit 2003 und wurde von der Robert Bosch Stiftung ins Leben gerufen. Warum solche Projekte organisiert und durchgeführt werden, wird bei einem Blick auf die  Studie "Relevance of Science Education" (ROSE) aus dem Jahr 2010 deutlich: Svein Sjøberg und Camilla Schreiner von der Universität Oslo hatten dafür rund 40.000 Schüler aus 40 Ländern im Alter von 15 Jahren befragt. Es zeigte sich, dass die Schüler in der gesamten Welt die Meinung vertreten, Wissenschaft und Technologie seien für die Gesellschaft immens wichtig. Trotz der überwiegend positiven Einstellung gegenüber der Rolle von Wissenschaft und Technik in der Gesellschaft, sind die Schüler über die naturwissenschaftlichen Fächer in der Schule aber eher geteilter Meinung. In den ärmeren Regionen der Welt mögen die Schüler die naturwissenschaftlichen Fächer lieber, wohingegen die Schüler in reicheren Ländern diese Fächer meist schlechter als die anderen Unterrichtsfächer beurteilen.

Die Studienleiter schließen daraus: Wer kein Interesse an Naturwissenschaften in der Schule hat, der geht auch nicht in die Forschung. Und tatsächlich: In den meisten Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stimmten die Schüler der Aussage "Ich möchte ein Wissenschaftler werden" mit durchschnittlich weniger als zwei Punkten auf einer Vier-Punkte Skala zu.

Der im Jahr 2004 von der High Level Group (HLG) veröffentlichte  Report über die Erhöhung des Personals in Wissenschaft und Technik in Europa bestätigt diese Schülermeinungen. Besonders extreme Beispiele sind Großbritannien und Deutschland. So fiel zum Beispiel die Anzahl der Physik-Studierenden in Großbritannien zwischen 1991 und 2000 um 21 Prozent. In Deutschland wählten von 1990 bis 1994 sogar 56 Prozent weniger Studenten Chemie als Studienfach. Ob sich dieser Rückgang allein mit einem mangelnden Interesse begründen lässt, kann allerdings nicht bewiesen werden.

Joachim Dengg mit Schülern auf dem Forschungsschiff "Alkor". © IFM-Geomar

Kieler Förde, Deck der "Alkor", 10:00 – 12:00 Uhr: An die Arbeit

Inzwischen ist das Forschungsschiff am Zielort angekommen. Die Schüler versammeln sich um eine große Baggerschaufel. Langsam wird sie von den Crew-Mitgliedern ins Wasser gelassen. Sie soll nun Sedimentboden aus dem Wasser holen, damit die Schüler diesen untersuchen können. Was die Baggerschaufel aus der Tiefe des Meeres herausholt, das lässt die jungen Schüler aber zunächst den Atem anhalten: Es stinkt nach Schwefel und der Meeresboden ist nicht, wie erwartet, sandig, sondern komplett schwarz. Kathrin Kniggemeier, Biologin am IFM-Geomar, leitet heute die Ausfahrt der Waldorfschüler.

Der Gestank komme von dem Sauerstoffmangel im Meer, erklärt sie und bittet eine Schülerin, mit einem Sieb den Boden nach Meerestieren zu durchsuchen. Mit gerümpfter Nase beugt sich das Mädchen herunter, ihre Mitschüler lachen. "Als Wissenschaftler muss man sich auch mal ordentlich schmutzig machen. Greif´ ruhig tief in den Dreck rein", sagt Kniggemeier zu dem Mädchen.

Ein Grund für Schüler, später nicht in die Wissenschaft zu gehen, sei die Tatsache, dass in den Köpfen der Schüler Naturwissenschaften immer noch als hartes Fach angesehen wird, glaubt Dengg. Die Kinder dächten, dass man nur dann im naturwissenschaftlichen Bereich Erfolg habe, wenn man richtig gut ist. "Deshalb ist es wichtig, den Schülern klar zu machen, dass Wissenschaftler nicht geborene Einsteins sind, sondern sich auch langsam hochgearbeitet haben", sagt Dengg. Der direkte Kontakt mit den Wissenschaftlern und die praktische Erfahrung, einmal wissenschaftlich zu arbeiten, sollen das belegen und die Vorurteile abbauen.

Inzwischen hat es ein wenig angefangen zu regnen. Immer noch schippert das Forschungsschiff durch die hohen Wellen der Ostsee, es ist aber noch keinem Schüler schlecht geworden – zu spannend ist das, was jetzt passiert: Mit einem Kran am Bug des Schiffs wird ein riesiges Netz aus dem Meer gezogen und auf Deck ausgelegt. Die Kinder sind mucksmäuschenstill. Ein großer Haufen Seetang liegt vor ihren Füßen und umschlingt alle möglichen Meerestiere: Seesterne verschiedener Formen und Größen, Krabben, Schwämme und was sich sonst noch im Meer befindet.

"So, dann lasst uns mal ein paar Tiere aufsammeln und hinterher im Labor bestimmen", sagt Kniggemeier und macht sich an die Arbeit. Bald sitzen alle in der Hocke und sammeln auf, was sie finden können. Es wird gelacht, gealbert und nach den schönsten Seesternen gesucht.

Kieler Förde, Deck der "Alkor", 13:00 Uhr: Die Grenzen

Die Kinder sind begeistert, doch Joachim Dengg kennt die Grenzen dessen, was das Projekt erreichen kann: "Ich neige dazu, eher Realist zu sein und erst einmal zu sehen, was machbar ist. Es ist auf jeden Fall wichtig, zum einen wissenschaftlichen Nachwuchs zu bekommen und zum anderen auch generell bei den Leuten, die nicht unbedingt in der Wissenschaft bleiben wollen, trotzdem ein gewisses Hintergrundwissen darüber zu schaffen, wie Wissenschaft funktioniert."

Wissenschaft funktioniert leider auch nicht ohne Geld. Wie bei fast allen Projekten ist bei der NaT-Working Meeresforschung die dauerhafte Finanzierung ein Problem. Mittlerweile wird es durch seine Beteiligung am Kieler  Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft" von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie von der Europäischen Gemeinschaft gefördert. Außerdem wollen die Förderer natürlich konkrete Erfolge sehen. Diese genau zu beziffern, ist aber grundsätzlich schwierig. Zum Beispiel kann nicht überprüft werden, ob einer der Schüler in dem Projekt dermaßen für die Wissenschaft begeistert werde konnte, dass er später Wissenschaftler wird. Zudem ist es schwierig zu sagen, ob Projekte mit einzelnen Schülern mehr Erfolg versprechen als Projekte mit Schulklassen. Faszination lässt sich einfach nicht messen.

Immerhin kann man sehen, wie neugierig die Schüler werden und wie viel Spaß sie bei den Projekttagen haben. Das ist für Dengg auch schon ein großer Erfolg. Dass die praktischen Initiativen einen positiven Effekt versprechen, wird auch daran deutlich, dass mittlerweile weitere Institutionen solche Projekte anbieten, zum Beispiel das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung ( AWI) in Bremerhaven.

Kieler Förde, Deck der "Alkor", 14:00 Uhr: Die Rückkehr

Die Ausfahrt neigt sich langsam dem Ende zu. Die Tiere werden zurück ins Meer gelassen. Die mittlerweile durchgefrorenen jungen Forscher schreiben noch letzte Notizen in ihre Protokolle, während der Kapitän die "Alkor" zurück in das Schwentinental steuert. Der Himmel ist immer noch verhangen und der Regen wird stärker. Durchweicht und müde von der Forscherarbeit kehren die Schüler an Land zurück. Sie werfen noch einen letzten Blick auf das Schiff, welches in den Wellen der Schwentine-Mündung langsam schaukelt. Am nächsten Tag soll die "Alkor" wieder ausfahren, diesmal mit jungen Studierenden, die bereits auf dem Weg sind, Wissenschaftler zu werden. Vielleicht kehrt auch der eine oder andere Waldorfschüler aus der heutigen Gruppe als Nachwuchsforscher zurück.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2010.







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Zustimmung zur Aussage "Ich mag wissenschaftliche Schulfächer lieber als die meisten anderen Themen" in Prozent:

© ROSE Project



Zustimmung zur Aussage "Ich möchte gerne Wissenschaftler werden" in Prozent:

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