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02/20/09

Alles neu | Die ersten Jahre der Universität Luxemburg

Von Meike Jotzo

Beinahe 1000 Jahre ist es her, dass im italienischen Bologna die erste Universität Europas entstand. Im Jahr 2003 hat sich ein kleines Land rund 1000 Kilometer weiter nördlich dazu entschlossen, endlich mit Italien gleichzuziehen: Das Großherzogtum Luxemburg bekam seine erste Universität.

Luxemburgs erste und bislang einzige Universität wächst kräftig. "Wir haben ein Wachstum in unserem Haushalt von 19 Prozent pro Jahr. Das finden Sie kaum irgendwo", sagt Rolf Tarrach, Rektor der Universität Luxemburg. Die Universität hat drei Fakultäten, die Studenten können zwischen elf Bachelor- und 20 Masterstudiengängen wählen. Zusätzlich gibt es sechs weitere Aufbaustudiengänge, und auch Promovierende werden auf ihrem Weg zum Doktortitel betreut. Die Universität sei zwar klein, räumt Rektor Tarrach ein. Dafür biete sich dort aber die Chance, etwas mitzugestalten, wie es in keiner bereits etablierten Einrichtung möglich ist: "Es gibt keine universitären Traditionen im Lande, es gibt keine Regelungen. Der juristische Rahmen ist eigentlich nur das Gründungsgesetz und sonst nichts. All die intellektuelle Energie für den Aufbau einer Universität kommt von uns, ohne die Hilfe von anderen Universitäten."

Rolf Tarrach über die Reaktionen von Universitäten in den Nachbarländern (0,7 MB; 0:42 min):


Zu wenig Akademiker in Luxemburg

Warum plötzlich eine Universität entstehen musste, wo es vorher nie eine gab? Man kann darauf antworten: Die Zeit war reif. "Die europäische Ökonomie wird immer mehr auf Wissen aufgebaut", sagte kurz nach der Gründung im November 2003 der damals amtierende Vize-Rektor, Jean-Paul Lehners. "Und eine Gesellschaft, die auf Wissen aufgebaut ist, braucht auch eine Uni." Vorher mussten alle jungen Erwachsenen, die studieren wollten, ins Ausland gehen. Das bedeutete den demografischen Verlust eines Großteils der 20- bis 25-Jährigen. Den erzwungenen langen Auslandsaufenthalt konnten sich andere hingegen aus verschiedenen Gründen nicht leisten. Mit der Gründung einer heimischen Universität sollten also grundsätzlich mehr junge Erwachsene zu einem Studium ermutigt werden. "Luxemburg hat prozentual weniger Akademiker als andere europäische Länder", erklärt Britta Schlüter, Sprecherin der Universität Luxemburg, "dabei verlangen über die Hälfte der Jobs in Luxemburg einen akademischen Abschluss."

Ende 2008 waren es genau 4517 Studenten, die an der Universität Luxemburg studierten. Fast die Hälfte von ihnen stammt aus dem Ausland, insgesamt 90 Nationalitäten sind vertreten. Tatsächlich "neu" aus dem Ausland kommen zu dieser Zeit allerdings nur zehn Prozent der Studenten – denn Luxemburg hat mit über 40 Prozent bereits einen hohen Anteil an ausländischen Einwohnern. Dennoch: Das Lockmittel "heimische Universität" scheint zu wirken. Die Zahl derjenigen Studienanfänger, die das erste Mal finanziell vom Staat unterstützt werden, ist von 5688 im Hochschuljahr 2001/2002 auf 7800 im Jahr 2007/2008 angestiegen. Sowohl Luxemburger als auch in Luxemburg lebende Ausländer haben das Recht auf diese staatliche Unterstützung. Durch diese Zahlen sind gut 90 bis 95 Prozent der aus Luxemburg stammenden Studienanfänger erfasst, schätzt das zuständige Ministerium für Kultur, Hochschulbildung und Forschung. Der Großteil dieser 7800 Studienanfänger geht zwar doch weiter ins Ausland, etwa nach Deutschland, Belgien und Frankreich. 1393 von ihnen haben sich jedoch dafür entschieden, in Luxemburg weiterzustudieren.

Institution der kleinen Wege

Die 150 Professoren und Dozenten kommen aus 20 Nationen. Sie werden von 500 Praktikern in der Lehre unterstützt, zum Beispiel von Mitarbeitern des Europäischen Gerichtshofs oder des Europäischen Rechnungshofs. Bei den Dozenten scheint die neue Universität sehr beliebt zu sein: Auf jede freie Stelle bewerben sich 30 bis 40 Kandidaten. "Hier haben sie sehr viel Flexibilität und Freiheit", erklärt Rektor Tarrach den Andrang der Bewerber. Die einhellige Meinung: Die kleine Universität sei eine Institution der kurzen Wege, sie haben mehr Einflussmöglichkeiten (zum Beispiel, was die Studiengänge angeht), und Entscheidungen fallen schneller. Auch 37 deutsche Professoren haben sich für die Universität Luxemburg entschieden. Assistenzprofessor Dr. Heinz Sieburg sieht im Vergleich mit dem deutschen System mehr Freiheit in Bezug auf die Forschung: "Es gibt mehr Mittel. Und die Chancen, dass beantragte Forschungsprojekte auch genehmigt und finanziert werden, sind ungleich höher als in Deutschland", erklärt der Germanist.

Rolf Tarrach über die Möglichkeiten für Professoren (0,5 MB; 0:29 min):


Die Universität in dem kleinen Land sieht sich – entsprechend der Internationalität ihrer Studenten – eher als europäische, denn als luxemburgische Hochschule. "Die Luxemburger Sprache benutzen wir gar nicht als Lehrsprache", nennt Tarrach ein Beispiel. Das Land, das bekannt ist für seine Mehrsprachigkeit, setzt das auch für seine Studenten um: Alle Bachelor-Studiengänge sind zweisprachig, wobei zwischen Deutsch, Englisch und Französisch variiert wird. Bei den Master-Studiengängen müssen mindestens 20 Prozent der Lehrveranstaltungen in englischer Sprache stattfinden. Zusätzlich gilt auch für die meisten Masterstudenten: Mindestens zwei der aufgezählten Sprachen sind Pflicht.

Die Wirtschaft will kooperieren

Die Forschung hat neben der Internationalität ebenfalls einen hohen Stellenwert an der Universität Luxemburg. Anfang 2005 als Rektor eingesetzt, präsentierte Tarrach bereits im November desselben Jahres den Vier-Jahres-Plan für die weitere Entwicklung. Sieben Forschungsbereiche werden besonders gefördert – auch die dazugehörigen Masterstudiengänge und die Promotionen in diesen Fächern. Unter anderem gehören dazu die Biowissenschaften sowie Europa- und Wirtschaftsrecht. Nach diesem Profil beurteilt der Rektor auch mögliche Kooperationen mit der Wirtschaft: "Ich würde sagen, dass ich über 50 Prozent der Angebote – jedenfalls all die, in denen wir alles selbst finanzieren müssten – sofort ablehnen muss. Zum großen Teil, weil die gar nichts mit unseren Prioritäten zu tun haben."

Rolf Tarrach erklärt, warum die Universität solch strenge Prioritäten setzen muss (0,1 MB; 0:08 min):


An der neuen Universität interessiert ist die Wirtschaft aber durchaus. "Die Unternehmen freuen sich, dass jetzt eine Universität da ist, und sie haben Lust, mit uns zusammenzuarbeiten", sagt Tarrach. So wird ein Stiftungslehrstuhl für Materialforschung vom weltweit operierenden Elektronikunternehmen TDK finanziert. Jedoch sind viele Unternehmen noch nicht auf die Abläufe an einer Universität eingestellt. Oft erwarte die Wirtschaft bereits innerhalb eines Jahres die ersten Resultate, berichtet Tarrach. Auf Grundlagenforschung werde dabei keine Rücksicht genommen.

Rolf Tarrach über die irrigen Erwartungen der Wirtschaft (0,4 MB; 0:25 min):


Globetrotter als Rektor

Die Herausforderung, alles auf den richtigen Weg zu bringen, nimmt Tarrach gerne an: Der 1948 geborene Spanier mit deutschen Wurzeln ist Professor der Theoretischen Physik und hat unter anderem in Deutschland, Russland, den Vereinigten Staaten, in Kanada, Argentinien und Dänemark geforscht. Immer drei bis vier Monate lang, dann ging es weiter zum nächsten Ort. Ein echter Globetrotter, der zur internationalen Ausrichtung der neuen Universität passt. Die fehlende Konkurrenz steigt dem einzigen Universitätsrektor Luxemburgs dabei nicht zu Kopf. "Bei einem Ranking im eigenen Land wären wir zwar immer an der ersten Stelle", sagt Tarrach und zieht die Augenbrauen hoch, "aber auch immer an der letzten."

Rolf Tarrach zu seiner Reaktion auf das Stellenangebot der Universität Luxemburg (0,4 MB; 0:25 min):


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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Impressionen von Luxemburgs erster und einziger Universität


International: An der Universität Luxemburg sind insgesamt 90 Nationalitäten vertreten. © Universität Luxemburg


Prächtig: Der Campus Limpertsberg ist einer der drei Standorte der Universität. © Universität Luxemburg


Pluspunkt: Die Professoren loben die kleine Universität als "Institution der kurzen Wege". © Universität Luxemburg


Rektor: Rolf Tarrach war Globetrotter und Physik-Professor, seit 2005 leitet er die Universität. © Universität Luxemburg


Lesestoff: Die Bibliothek auf dem Campus Limpertsberg. © Universität Luxemburg


Kurz & knapp

Die Universität Luxemburg wurde am 8. Dezember 2003 gegründet. Nur zweieinhalb Monate später verstarb plötzlich der erste Rektor, François Ravenas. Nachfolger wurde Rolf Tarrach: Der damalige Professor für Theoretische Physik an der Universität Barcelona übernahm ab Anfang des Jahres 2005 die Leitung der jungen Universität Luxemburg.
Bislang gibt es an der Universität Luxemburg drei Fakultäten: die Fakultät für Naturwissenschaften, Technologie und Kommunikation, die Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften sowie die Fakultät für Rechts-, Wirtschafts- und Finanzwissenschaften.
Zurzeit sind alle drei an verschiedenen Orten in der Hauptstadt Luxemburg, bzw. in der anliegenden Gemeinde Walferdingen angesiedelt. Die beiden erstgenannten Fakultäten sollen jedoch bald zusammen mit der Universitätsverwaltung an zentraler Stelle zusammengelegt werden: in Esch-Belval West, der neuen "cité des sciences". Die Studenten zahlen eine Studiengebühr von 100 Euro pro Semester.

Mehr Informationen:  Homepage des Universität


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© Annamária Jász

Das "Princeton des Ostens" steht in Budapest: Wissenschaftler aus ganz Europa und sogar aus den USA zieht es in die Hauptstadt Ungarns: Seit 1992 können sie hier am Collegium Budapest ungestört forschen. Statt Bürokratie und Lehrverpflichtungen gibt es einen regen Austausch. Zu Besuch in Mittel-Ost-Europas erstem Institute for Advanced Study.  (zum Text)


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