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03/14/11

Medien über Sterbehilfe | Totgeschwiegen?

© saine / stock.xchng

von Sophia Weimer

Wann darf man einen kranken Menschen sterben lassen? Wann begeht ein Arzt unterlassene Hilfeleistung, wann sogar Mord? Die Teilnehmer einer Diskussion beim EuroScience Open Forum 2010 in Turin zeigten sich überzeugt davon, dass das Thema Sterbehilfe für alte Menschen meist unter dem Deckmantel des Schweigens bleibt. Familien fürchteten die Auseinandersetzung damit genauso wie die Medien.

Es sind Ausnahmefälle, die das Thema Sterbehilfe in die Medien bringen. Junge Unfallopfer, die besonders tragischen Fälle, sind für die Öffentlichkeit spannend. Weniger interessant scheint die Frage, was mit leidenden Senioren geschieht. Alte Menschen warten in Heimen oder Krankenhäusern oft unter Qualen auf ihr Lebensende.

Im Sommer 2010 endete ein Prozess, in dem ein Behandlungsabbruch verhandelt wurde, vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe mit einem richtungsweisenden  Urteil. Nachdem eine Frau fünf Jahre im Koma gelegen hatte, trennte ihre Tochter jenen Schlauch durch, durch den die Mutter künstlich ernährt und so am Leben gehalten wurde. Ein Anwalt hatte der Tochter zu diesem Schritt geraten, da die lebenserhaltenden Maßnahmen nach Aussage der Tochter gegen den mündlich geäußerten Willen der Frau durchgeführt wurden – eine Patientenverfügung lag nicht vor. Im April 2009 war der Anwalt für diesen Rat zu neun Monaten Bewährungsstrafe wegen versuchten Totschlags verurteilt worden. Er ging in Revision und wurde am 25. Juni 2010 vom BGH freigesprochen. Die Richter entschieden, dass auch der aktive Abbruch einer lebenserhaltenden Maßnahme auf Grundlage des Patientenwillens nicht strafbar sei.

Die Deutsche Hospiz-Stiftung kritisierte in einer  Stellungnahme vom 2. Juli 2010 diese Entscheidung: "Der Grundsatz im Zweifel für das Leben wurde vom BGH mit seinem Sterbehilfeurteil zum Sterben verurteilt." Ohne klarere Kriterien zur Ermittlung eines mutmaßlichen Patientenwillens blieben Behandlungsfragen der Willkür von Ärzten und Angehörigen überlassen.

Die rechtliche Situation ist kompliziert

Das Urteil des BGH bleibt kontrovers, denn die Rechtslage ist kompliziert: Die aktive Sterbehilfe, also das Verabreichen eines unmittelbar tödlich wirkenden Mittels, ist in Deutschland ausnahmslos verboten. Beim assistierten Suizid hingegen wird das Mittel nicht aktiv verabreicht, sondern dem Betroffenen zur Verfügung gestellt. Der nimmt dieses dann selbst zu sich – das ist nicht strafbar, bringt aber Konflikte mit sich.

Die lebenserhaltenden Behandlungsmaßnahmen zu beenden, also passive Sterbehilfe zu leisten, gehört zum Anwendungsbereich der Patientenverfügung. Wo diese fehlt, kommt es oft zu Streitfällen.

Deutschlands problematische Beziehung zum Tod

Alison Abbott, Senior European Correspondent des Fachmagazins "Nature", hielt während des EuroScience Open Forum (ESOF) 2010 in Turin einen Vortrag zum Thema Sterbehilfe und dessen Präsenz in den Medien. Abbott sieht Deutschlands Geschichte als eine Ursache für den "nicht zeitgemäßen" Umgang mit dem Sterben auf Wunsch: "Deutschland hat eine politische Beziehung zum Thema Tod, die eine der problematischsten in der europäischen Geschichte ist. Die meisten der Deutschen, die den Krieg und auch das Ende der faschistischen Ära miterlebt haben, haben Erinnerungen, die so stark sind, dass diese immer noch die Beschäftigung mit dem Thema Sterbehilfe überschatten." Abbott spricht dabei das Euthanasie-Programm im Nationalsozialismus an: Behinderte und Kranke wurden unter dem Vorwand, ihr Leben sei nicht lebenswert, massenhaft ermordet. Ziel der Nationalsozialisten war die "Ausmerzung unwerten Lebens". Bis heute werfen die Ereignisse Schatten auf die Forderung, die Sterbehilfe zu erleichtern. 

Auch Penney Lewis vom Centre of Medical Law and Ethics am King's College in London weiß um das Problem der Deutschen. Sie findet diese Scheu aber heute nicht mehr angemessen: "Wir müssen uns selbst dieser Herausforderung stellen und dürfen keine Geister von Dingen wecken, die vor vielen Jahrzehnten passiert sind."

Doch auch in anderen Ländern ist das Thema Sterbehilfe umstritten: Die Niederlande und Belgien haben ihre Gesetze gelockert, während die Schweiz hingegen 2010 sein als liberal bekanntes Gesetz verschärfen wollte. Im katholischen Italien versuchte Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Februar 2009 persönlich, den Ernährungsstopp der Koma-Patientin Eluana Englaro per Eilgesetz zu verhindern. Er scheiterte. Die folgende Debatte stürzte Italien in eine "Verfassungskrise", wie die deutsche Zeitschrift "stern" schrieb: Eine Lockerung der Gesetze schien unmöglich.

Die Deutsche Hospiz-Stiftung beklagt vor allem die ungenügende palliativmedizinische Versorgung und den Mangel an Hospizen in Deutschland nur rund drei Prozent der Sterbenden erhielten eine angemessene professionelle Versorgung. Viele Menschen seien in Deutschland auch nicht ausreichend über die Möglichkeiten der Palliativmedizin informiert.

"Menschen planen nicht ihren eigenen Tod"

Das Problem beginnt lange, bevor es konkret wird: Die meisten Familien vermeiden die Beschäftigung mit dem Tod so lange wie möglich. "Es gibt eine natürliche Hemmung davor, Tod und Sterben zu diskutieren. Die Leute wollen nicht darüber nachdenken, sie planen ihren eigenen Tod nicht. Sie lassen diejenigen, die ihnen nahestehen, nicht wissen, was sie wollen. Deshalb ist es oft schwierig, wenn Familienmitglieder plötzlich mit der Situation konfrontiert werden, nicht zu wissen, was der Kranke gewollt hätte. Wir sollten mehr darüber reden. Und die Medien haben die Aufgabe, dies zu unterstützen", fordert Penney Lewis.

Dass das Thema eine viel größere Reichweite hat, als die meisten glauben, meint auch Alison Abbott: "Es passiert sowieso: Die Krankenschwestern helfen den Leuten zu sterben – praktisch heimlich. Weil es so sein muss. Und es wird immer schlimmer werden, weil wir immer älter werden." Diese Aussage wird unterstützt durch eine anonyme Umfrage unter 780 ärztlichen Mitgliedern der  Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, die 2010  publiziert wurde. Demnach hatten 78 Prozent der Befragten lebenserhaltende Maßnahmen schon mindestens einmal bewusst abgebrochen. In sechs Prozent der Fälle waren die Patienten vorher nicht darüber informiert worden, obwohl sie bei Bewusstsein waren.

Der Nachrichtenwert des Themas Sterbehilfe für Alte ist gering, die Auseinandersetzung unbequem. "Das Thema ist nicht so glamourös wie eine junge hübsche Frau, die im Koma liegt, aber es ist vielleicht noch wichtiger, vor allem in der Zukunft", sagt Abbott. Die Expertin sieht einen weiteren Grund für die Medien-Abstinenz: "Man braucht eine Geschichte, man braucht etwas Neues. Man kann nicht immer etwas erzählen, was nicht neu ist. Es gilt in diesem Fall: No discussion about a big problem."

"Die Berichterstattung ist sehr heikel"

Über die Berichterstattung nach dem Freispruch des deutschen Anwalts ist Abbott positiv überrascht: "Das war nicht so hysterisch wie sonst. Sogar das, was in der BILD-Zeitung stand, fand ich vernünftig und nicht so emotional. Es ist langsam Zeit, die Frage 'Sterbenlassen oder nicht Sterbenlassen?' in den Medien in den Griff zu bekommen."

Eine große Aufgabe für die Medien, die das sensible Thema zwar zu einem selbstverständlichen Gesprächsstoff erheben, nicht aber unnötig pushen sollen, meint Abbott. "Die Berichterstattung generell über Sterbehilfe ist sehr, sehr heikel." Es sei ein sehr schmaler Grat, auf den sich die Journalisten zwischen den verschiedenen moralischen Ansichten begeben würden.

Abbott und Lewis sind der Meinung, dass die Entscheidung des BGH im Juni 2010 ein großer Schritt für die Selbstbestimmung der Bürger in Deutschland war. Der Nationale Ethikrat äußert sich in einer  Stellungnahme von 2009 diplomatisch: "Ärzte sollten Aspekte der Lebensqualität des Patienten über solche der maximalen Verlängerung seines Lebens stellen dürfen, ohne strafrechtliche Verfolgung fürchten zu müssen." Die Deutsche Hospiz-Stiftung fordert vor allem angemessene Regeln für die Ermittlung des Patientenwillens. Autonomie und Integritätsschutz seien zu wichtig, um sie dem Spiel der Kräfte zu überlassen.

In einem Punkt sind sich alle einig: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod und eine Patientenverfügung ermöglichen den Betroffenen Selbstbestimmung bis zum Lebensende und nehmen eine große Last von Angehörigen, Ärzten und Pflegepersonal.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2010.







Link-Tipp

Eine Broschüre des Bundesministeriums der Justiz über die Patientenverfügung (Stand: Oktober 2010) kann  hier heruntergeladen oder als gedruckte Version bestellt werden. Textbausteine für eine eigene Patientenverfügung stellt das Bundesministerium der Justiz  hier zur Verfügung. 

Weitere ausführliche Informationen gibt es bei der  Bundeszentralstelle Patientenverfügung.


Sterbehilfe | Die Gesetzeslage in Europa

Belgien:
Seit Herbst 2002 ist aktive Sterbehilfe legal. Obwohl sich der Patient dafür nicht im Endstadium seiner Krankheit befinden muss, gelten strenge Auflagen für Ärzte. Demenzkranke und Minderjährige sind deshalb von der aktiven Sterbehilfe ausgeschlossen.

Dänemark:
Seit dem 1. Oktober 1992 können Dänen für den Fall einer unheilbaren Krankheit oder eines schweren Unfalls ein "medizinisches Testament" verfassen, das von den Ärzten respektiert werden muss.

Deutschland:
Das Gesetz verbietet aktive Sterbehilfe – Ärzten drohen bis zu fünf Jahren Haft für "Tötung auf Verlangen". Nur wer bei Patienten "in unmittelbarer Todesnähe" lebensverlängernde Maßnahmen unterlässt, kann im Fall der sogenannten passiven Sterbehilfe straffrei bleiben.

Frankreich:
Hier ist Sterbehilfe illegal und damit strafbar. Unterschieden wird jedoch zwischen "Sterbehilfe" und "fehlender Behandlung".

Großbritannien:
Sterbehilfe ist gegen das Gesetz. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Mediziner dürfen in begründeten Fällen, das heißt wenn die Fortsetzung der Behandlung aussichtslos ist, das Leiden von künstlich am Leben gehaltenen Patienten beenden.

Italien:
Sterbehilfe und Patientenverfügung sind hier seit langem umstritten. Gesetzlich gelten jegliche Formen von Sterbehilfe als verboten. Darunter fällt neben Tötung auf Verlangen und Beihilfe zum Suizid auch das Beenden künstlicher Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr. In einzelnen prominenten Fällen wurde der Abbruch der Behandlung jedoch durch höchstrichterliche Urteile gestattet.

Niederlande:
Seit April 2002 sind die Niederlande das erste Land, das die Sterbehilfe gesetzlich geregelt hat. Aktive Sterbehilfe ist hier legal – allerdings unter strengen, vom Gesetz vorgesehenen Bedingungen.

Schweiz:
Aktive Sterbehilfe ist in der Schweiz verboten. Hier gilt allerdings die Regel, dass Betroffene die ärztliche Beihilfe zum Selbstmord legal in Anspruch nehmen können. Dazu müssen sie allerdings volljährig und körperlich in der Lage sein, den Suizid selber durchzuführen.
(sow)


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