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03/10/11

Personalisierte Ernährung | GENau abgeschmeckt

© bizior / stock.xchng

Von Thomas Wagner-Nagy

Was Ernährung bewirkt, ist zuweilen mysteriös: Wieso kann der eine Mensch so viel, so fett und so süß essen, wie er will, und bleibt schlank und gesund – während ein anderer bei gleicher Ernährung unaufhaltsam zunimmt, an Diabetes leidet und schließlich am Herzinfarkt stirbt? Es sind unter anderem die Gene, die für diese ungerechten Unterschiede sorgen. Wie unser Körper auf Ernährung und Umwelteinflüsse reagiert, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Auch unser Erbgut, die DNA, bestimmt mit, wie hoch das Risiko ist, im Laufe des Lebens an Krebs zu erkranken oder eben auch, wie wir die Bestandteile unserer Nahrung verarbeiten.

1999 tauchte der Begriff Nutrigenomik das erste Mal auf. Zwei Jahre später wurde erstmals das menschliche Genom vollständig sequenziert. Das ermöglichte es Genetikern, die Funktionsweise der DNA und deren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus genauer zu erforschen. Seither untersuchen Nutrigenomik-Forscher den Zusammenhang zwischen Ernährung und Genetik.

"Zeig mir, wer du bist, und ich sag dir, was du besser (nicht) isst!" So könnte die Devise der Ernährungsgenetiker lauten. Auf Grundlage eines Gentests sollen Konsumenten in Zukunft ihren Speiseplan an ihre individuelle Veranlagung anpassen können. Bereits bis 2017 könnte nach der optimistischen Schätzung des niederländischen Ernährungswissenschaftlers Ben van Ommen das Erbgut als Grundlage für einen individualisierten Speiseplan herangezogen werden. Nutrigenomik-Forscher hoffen darüber hinaus, eines Tages Krankheiten wie Diabetes oder Herzinfarkt durch eine personalisierte Ernährung vorbeugen oder diese sogar gezielt behandeln zu können. Ob dies jemals möglich sein wird, ist fraglich, denn das Zusammenspiel von Genotyp (dem Erbgut) und Phänotyp (den äußeren Ausprägungen) ist sehr kompliziert – und die Ernährung nur einer von vielen Einflussfaktoren.

Zeigt her eure Gene!

Doch sind die Konsumenten überhaupt dazu bereit, sich einem Gentest zu unterziehen, um ihre Ernährungsgewohnheiten anschließend umzustellen? Diese Frage muss geklärt werden, bevor weiterhin in Nutrigenomik-Forschung investiert wird. Barbara Stewart Knox hat deswegen nach Antworten gesucht. Die Ernährungswissenschaftlerin von der University of Ulster in Nordirland hat je etwa 1000 Menschen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen und Portugal befragt. Rund zwei Drittel der Befragten würden demnach einem solchen Gentest prinzipiell zustimmen. Darunter 28 Prozent mit dem erklärten Ziel, die Ernährung auf die eigenen Gene abzustimmen, weitere 37 Prozent aus reiner Neugier. Die Ergebnisse wurden 2009 in der Fachzeitschrift "British Journal of Nutrition"  publiziert.

Barbara Stewart Knox: Die Deutschen stehen nutrigenomischen Tests besonders skeptisch gegenüber. © privat

Besonders skeptisch in Sachen Gentests waren in der Umfrage die Deutschen. Mehr als die Hälfte der Befragten lehnte einen Test ab, als gefragt wurde: Würden Sie einen Gentest zum Zwecke einer personalisierten Ernährung durchführen lassen? Die Skeptiker begründeten ihre Ablehnung meistens mit der Sorge darüber, dass ihre Daten nicht ausreichend geschützt und an Dritte weitergegeben werden könnten. Aber auch ethische Bedenken wurden geäußert. "Den Datenschutz könnten wir mit einigem Aufwand in den Griff bekommen", meint Stewart-Knox. "Schwieriger wird es mit den ethischen Problemen, die sich im Zusammenhang mit Gentests ergeben." Sollte man nur Risikogruppen – beispielsweise für Diabetes – testen? Wer zählt überhaupt zur Risikogruppe? Solche Fragen müssten somit für jeden Einzelfall geklärt werden, fordert der schwedische Theologe Ulf Görman, der sich ausführlich mit den ethischen Problemen im Zusammenhang von Gentests und personalisierter Ernährung auseinandergesetzt hat.

Quacksalber und leere Versprechungen

Für Patienten, die sich einer "DNA-Diät" unterziehen wollen, ist zudem die Frage von Bedeutung, wie konkret die Ratschläge sein können, wenn die Zusammenhänge zwischen Genetik und Ernährung noch kaum erforscht sind. Getestet werden meistens 19 Gene, deren Funktionsweise Genetiker mit Ernährungsbestandteilen in Verbindung bringen. Mindestens 400 Euro müssen Interessierte für den Test berappen und erhalten anschließend einen 30 bis 40 Seiten langen Bericht zu ihrer genetischen Lage. Firmen, die solche Tests durchführen, werfen Kritiker wie die britische Non-Profit-Organisation GeneWatch UK vor, sie würden Rückschlüsse ziehen, die das genetische Material nach heutigen Erkenntnissen noch nicht zulässt.

So wirbt das texanische Unternehmen Professional Nutritional Therapists für ihren Gentest namens "Genergy", bei dem mittels einer einfachen Speichelprobe Kunden unter anderem erfahren sollen, "ob eine fett- oder kohlenhydratarme Diät" das Beste für sie sei. Die Firma schrieb zudem Ende 2010 auf ihrer  Webseite: "Wenn Sie unter einer Krankheit leiden, wäre es dann nicht großartig, genau zu wissen, was und wie viel Sie essen sollten, um darauf zu reagieren und die Krankheit zu heilen? Nach dem DNA-Test werden Sie durch unsere Anleitung in der Lage sein, Nährstoffe in bestimmten Geweben ihres Körpers anzureichern, während andere Gewebe umgangen und geschützt werden."  Hier wird den Interessenten jedoch etwas ohne medizinischen Beweis versprochen.

Fragebogen statt Gentest kann ausreichen

Einen weiteren zentralen Kritikpunkt nennt das Government Accountability Office (GAO), ein überparteiliches Untersuchungsorgan des US-Kongresses. Das GAO hat 2006 die Gentests von vier großen Nutrigenomik-Firmen, deren Namen im Bericht nicht genannt werden, in geheimen Tests unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist laut  Abschlussbericht auch hier: Obwohl die Firmen behauptet hatten, sich von Krankheitsdiagnosen zu distanzieren, wurden den Probanden dennoch erhöhte Risiken für Osteoporose, Bluthochdruck, Diabetes, Krebs und andere Krankheiten bescheinigt.

Ratschlag ohne Gentest: "One apple a day keeps the doctor away!" © lockstockb / stock.xchng

Das GAO hat für seine Testreihe fiktive Konsumenten unterschiedlichen Alters und Lebensstils kreiert. Zwölf eingereichte Proben stammten jedoch von ein und derselben Frau. Das makabere Ergebnis: Für ein und dieselbe Person erhielt man völlig unterschiedliche Befunde. Immerhin wurden die Kontrollstäbchen, die in Hunde- und Katzenspeichel getränkt worden waren, zurückgeschickt, weil das Labor das Material "nicht verarbeiten konnte".

Die Untersuchungen brachten das GAO zu dem Schluss: Die Firmen hatten ihre Empfehlungen nicht anhand des Gentests erteilt, sondern auf Grundlage eines vorher auszufüllenden Fragebogens. So wurde beispielsweise Personen, die angegeben hatten zu rauchen, dazu geraten, mit dem Qualmen aufzuhören. Das ist sicherlich kein falscher Rat, aber den kann jeder Hausarzt genauso gut geben – auch ohne Zuhilfenahme des Erbguts. In der Tat sind die Empfehlungen nach einem Gentest oft nicht konkreter als die gut gemeinten Ratschläge von Oma & Co. "Essen Sie mehr Obst und Gemüse", heißt es da zum Beispiel. Solcher Handel mit Binsenweisheiten hat der Nutrigenomik auch unter Wissenschaftlern einen schlechten Ruf eingebracht.

Wie Nutrigenomik doch funktionieren könnte

Doch neben dieser pseudowissenschaftlichen Geldmacherei gibt es auch besser fundierte Forschungsansätze, die in Zukunft tatsächlich einmal vielen Menschen helfen könnten, ihre Ernährung individuell zu ihrem Besten umzustellen. Als Erfolg versprechender Ansatzpunkt der Nutrigenomik werden von einigen Forschern die so genannten Einzelnukleotid-Polymorphismen (engl.: single nucleotide polymorphisms, SNP) angesehen. Dabei handelt es sich um eine genetische Variation, bei der ein einzelner "Buchstabe" des genetischen Alphabets, ein so genanntes Nukleotid, auf dem DNA-Strang ausgetauscht ist und dann auch das Gegenstück im DNA-Doppelstrang anders ist. Je nach dem, welches Gen betroffen ist, können die Auswirkungen ganz verschieden sein: Ein vertauschter Buchstabe kann unmerklich und folgenlos bleiben, aber auch zu schweren Stoffwechselstörungen führen.

Einzelnukleotid-Polymorphismus: ein Basenpaar bzw. eine Querstrebe in der DNA-Doppelhelix ausgetauscht. © flaivoloka / stock.xchng

Eine häufige derartige Stoffwechselstörung betrifft den Folsäure-Zyklus. Folsäure ist ein essentielles Vitamin, das dem Körper über die Nahrung zugeführt werden muss. Sie wird benötigt, um ein Stoffwechselprodukt namens Homocystein abzubauen, das seinerseits in Verdacht steht, eine Reihe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu begünstigen. Mindestens jeder hundertste Europäer trägt solch eine genetische Variation, deretwegen sein Körper keinen ausreichenden Folsäure-Spiegel aufrecht erhalten kann, sodass sich der Risikofaktor Homocystein mit der Zeit anreichert.

Nimmt eine betroffene Person jedoch gezielt große Mengen an Folsäure mit der Nahrung zu sich, zum Beispiel mit Weizenkleie oder Leber, so kann der Homocystein-Spiegel gesenkt werden. Das ergab eine  Studie, die 2006 im angesehenen Fachblatt "New England Journal of Medicine" erschien. Damit verringert sich möglicherweise das Risiko für einen Schlaganfall. Über den genauen Zusammenhang zwischen Folsäure und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind sich Genetiker allerdings noch nicht einig.

Dennoch reizt die Aussicht auf solche Behandlungen Ernährungswissenschaftler wie Barbara Stewart-Knox. Sie befürwortet die Entwicklung hin zu einer genetisch basierten personalisierten Ernährung, warnt jedoch auch vor den Gefahren: "Ich befürchte, dass viele Menschen versuchen werden, einen ungesunden Lebensstil durch personalisierte Ernährung auszugleichen. Dass sie beispielsweise denken, sie müssten sich weniger bewegen und könnten munter weiter rauchen, wenn sie auf ihre Ernährung achten: Das funktioniert so natürlich nicht."

Barbara Stewart-Knox würde auf ihr Lieblingsessen – Curryhühnchen – verzichten, wenn ihr nach der Genanalyse dazu geraten würde. "Ab und zu würde ich aber eine Ausnahme machen", sagt sie schmunzelnd. Sie selbst hat übrigens ihr Erbgut noch nicht analysieren lassen, erzählte sie beim EuroScience Open Forum im Juli 2010 in Turin: "Als Mutter von drei studierenden Kindern konnte ich mir die etwa 1000 Euro teure Genanalyse bislang noch nicht leisten."


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2010.







Was ist Nutrigenomik?

Der Begriff Nutrigenomik setzt sich aus "nutrition" (engl.: Ernährung) und "Genomik" zusammen. Unter Genomik versteht man die Erforschung des Erbguts und der Wechselwirkung der darin enthaltenen Gene. (twn)

Nutrigenomik-Kritiker

GeneWatch UK ist eine britische Non-Profit-Organisation, die Entwicklungen auf dem Gebiet der Gentechnik unter den Aspekten öffentliches Interesse, Menschenrechte, Natur- und Tierschutz kritisch verfolgt und dazu Stellungnahmen abgibt. ( zur Homepage)
Auch das Internet-Portal QuackWatch, das Quacksalber in der Medizin enttarnen möchte, beobachtet die Nutrigenomik-Anbieter. ( zur Unterseite über "Dubiose Gentests")

Firmen, die Gentests für die Ernährung anbieten

 Genova Diagnostics

 GeneLink Biosciences Inc.

Und die "passenden" Nahrungsergänzungsprodukte zu den Testergebnissen liefert  Garden State Nutritionals


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