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„Mathematiker sind wie kleine Kinder“


James Carlson ist seit 2003 Präsident des Clay Mathematics Instituts (CMI) in Cambridge, Massachusetts, USA.

science-guide.eu: Herr Carlson, das CMI finanziert sich aus den Mitteln eines einzigen Mannes, des amerikanischen Geschäftsmann Landon Clay. Was fasziniert diesen Menschen so sehr an der Mathematik?

Carlson: Landon Clay ist in den USA ein sehr angesehener Geschäftsmann. Er hat in Harvard unter anderem Mathematik studiert. Clay glaubt, dass die Wissenschaften und insbesondere die Mathematik die Grundlage unseres Wohlstands darstellen. Und er ist der Meinung, dass ausgerechnet die Mathematik chronisch unterfinanziert ist. Das erklärt sein großes Engagement.

science-guide.eu: Nach welchen Kriterien hat das CMI die „Millennium Problems“ ausgesucht?

Carlson: Die Probleme wurden vom First Scientific Advisory Board des CMI ausgewählt. Das Ziel war, den Leistungen der Mathematiker mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu verleihen. Dazu mussten die Probleme zwei Kriterien erfüllen: Erstens mussten sie in einem zentralen Forschungsgebiet der Mathematik von großer Bedeutung sein. Und zweitens musste sie schon seit sehr langer Zeit ungelöst sein.

science-guide.eu: Computerberechnungen bestätigen etwa bei der „Birch und Swinnerton-Dyer“ die Richtigkeit der Vermutung. Worin liegt der besondere Reiz, dennoch den letzen Beweis für eine Vermutung zu finden?

Carlson: Mathematiker sind wie kleine Kinder. Sie wollen eben nicht nur wissen, dass etwas richtig ist. Sie wollen auch wissen, warum. Der mathematische Beweis beantwortet diese Frage. Oft gibt er uns sogar neue Werkzeuge, um auch andere Probleme zu lösen. Und manchmal ergeben sich wieder neue Fragestellungen. Das macht den Beweis für uns so wertvoll.

science-guide.eu: Rechnen Sie damit, dass die Erkenntnisse aus der Lösung der „Millennium Problems“ konkrete Anwendungen finden werden?

Carlson: Ich bin überzeugt, dass es konkrete Anwendungen geben wird. Wann und in welchem Gebiet sich die Erkenntnisse tatsächlich umsetzen lassen, kann ich aber nicht voraussagen. Bestes Beispiel dafür ist die Riemann’sche Vermutung, die auf dem Phänomen der Primzahlen basiert. Dieser Zweig der Mathematik war früher als nutzlos verschrien. Heute findet er täglich millionenfach Anwendung, denn bei jedem Online-Bankgeschäft nutzen wir Primzahlen, um Informationen zu verschlüsseln und so die Datensicherheit zu garantieren. Sie sehen an diesem Beispiel, wie sich auch ein vermeintlich wenig anwendungsorientiertes Teilgebiet der Mathematik zur Grundlage wichtiger Schlüsseltechnologien entwickelt hat.

science-guide.eu: Mit den „Millennium Problems“ möchten Sie die Öffentlichkeit für die Faszination der Mathematik begeistern. Warum ist diese Faszination verloren gegangen?

Carlson: Zunächst einmal glaube ich, dass jedes Kind von der Mathematik begeistert ist. Mein Sohn etwa zählt mittlerweile die Stufen, wenn wir eine Treppe hochgehen. Und er lernt, dass Zahlen sehr nützlich sind - etwa beim Versteckspiel. Kleine Kinder können sich sehr stark für die Mathematik begeistern. Viele verlieren dann allerdings ihre Faszination für Zahlen, weil die Mathematik in der Schule meist sehr schlecht vermittelt wird.

science-guide.eu: Worin genau liegen die Probleme?

Carlson: Wichtig wäre, die Ausbildung der Lehrer zu verbessern. Lehrer müssen ihr Fach absolut beherrschen und die persönlichen Fähigkeit besitzen, die Lerninhalte so zu vermitteln, dass sie ihre Schüler zum Lernen begeistern können. Außerdem müssen sie ihr Fach lieben; das ist die wichtigste Voraussetzung. Momentan mangelt es an Lehrern, die all diese Qualifikationen mitbringen.

science-guide.eu: In unserer Gesellschaft sind Vorbehalte gegenüber Mathematikern präsent. Fühlen Sie sich manchmal missverstanden?

Carlson: Ja, natürlich. Aber ich beschwere mich nicht darüber. Es ist wirklich schade, dass viele Menschen die Faszination für die Mathematik verloren haben - es ist ein Verlust für sie.

Die Fragen stellte Christoph Marty.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2006.


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James Carlson, Präsident des CMI

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