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02/16/10

Großbritannien | Handys für die Robben der Sea Mammal Research Unit

Akku leer? Kein Empfang? Wem auf dem Science-Guide-Forschungsschiff das Handy den Dienst verweigert, der kann sich vor der schottischen Küste eins von einem Seehund leihen. Über Mobilfunk schicken die Robben der Sea Mammal Research Unit regelmäßig Daten zu ihrem Aufenthaltsort und ihren Tauchgängen.

Von Nora Schlüter

"Hallo, Robbe am Apparat"

Neuerdings gehen über die Funknetze der europäischen Mobilfunk-Anbieter immer wieder Anrufe einer unerwarteten Kundengruppe: der Robben. Wie das kommt? Ist der menschliche Handymarkt so abgegrast, dass die Hersteller nun das Tierreich erobern wollen? Haben sie dafür ein wasserdichtes, flossenfreundliches und leicht zu bedienendes Modell entwickelt, über das sich die Meeressäuger an den angesagtesten Brutplätzen der Saison verabreden?

Tatsache ist: Die Robben telefonieren nicht miteinander, sondern mit der Sea Mammal Research Unit (SMRU), der Forschungseinheit für Meeressäuger an der St. Andrews University in Schottland. Und von diesen Anrufen bekommen die Tiere selbst gar nichts mit. Zuständig für das Telefonieren sind GPS Phone Tags: kleine Sender, die Forscher entwickelt haben, um mehr über das Verhalten der Tiere herauszufinden.

Mit Robben auf Reisen

Das funktioniert so: Das Phone Tag, das mit 10 x 7 x 4 Zentimeter etwa die Größe einer Digitalkamera hat und mit 370 Gramm ein echtes Leichtgewicht ist, wird der Robbe ans Nackenfell geklebt. Wasserdicht verschweißt, druckresistent und ausgestattet mit einer extrem langlebigen Batterie geht der Sender nun mit der Robbe auf Reisen. Unterwegs misst er unermüdlich Daten: Ist der Seehund überhaupt im Wasser? Wenn ja: Welche Temperatur hat das Wasser? Wie groß ist der Wasserdruck? Wie tief taucht die Robbe? Und wie lange? Über GPS wird in Bruchteilen einer Sekunde die genaue Position bestimmt, sobald die Robbe auftaucht – viel länger dauern die Atempausen der Tiere an der Oberfläche nämlich oft nicht.

Ein solcher Chip kann bis zu sechs Monate lang Daten speichern. Schwimmt die Robbe schließlich wieder zurück zur Küste und damit in den Empfangsbereich der Mobilfunknetze, ruft der Telefon-Tag automatisch bei seinem Forschungsinstitut an und lädt die gespeicherten Daten herunter. Das geschieht viel schneller und energieeffizienter, als wenn die Daten wie üblich per Satellit übermittelt würden. Der Spaß hat allerdings seinen Preis: Knapp 3500 Euro kostet die Anschaffung eines GPS Phone Tags.

Ernährungsforschung bei Robben | Großer Mist

Den Forschern der SMRU leistet das Gerät dafür gute Dienste bei ihrer Mission, das Leben von Meeressäugern in all seinen Facetten zu erforschen. Besonderes Augenmerk liegt auf den heimischen Robbenarten: den Kegelrobben und den europäischen Seehunden. Jedes Jahr schreiben die Forscher einen Bericht für die britische Regierung, der die wichtigsten Informationen über die Kegelrobben- und Seehund-Populationen in britischen Gewässern enthält. Die Regierung wiederum muss zwischen gegensätzlichen Interessen abwägen: Auf der einen Seite verdienen die Meeressäuger Schutz – auf der anderen Seite schlagen sie sich den Bauch mit Fischen voll, auf die es auch die Fischerei-Industrie abgesehen hat. Schwindende Fischbestände verschärfen diese Konkurrenz zunehmend.

Wichtig zu wissen ist deshalb, welche Fische die Robben in welchen Mengen verdrücken. Im Jahre 2007 landeten dem Jahresbericht 2008 des Special Committee on Seals zufolge schätzungsweise 358.000 Tonnen Fisch in den Mägen von Kegelrobben, die kleineren und selteneren Seehunde brachten es immerhin auf rund 57.000 Tonnen. Was die Robben fressen, lässt sich allerdings nicht mit einem schicken kleinen Sender herausfinden. Hier ist echte Drecksarbeit gefragt, denn die zuverlässigsten Informationen findet man immer noch – im Kot. Mit Hilfe der halbverdauten Nahrungsreste identifizieren Forscher die Beutetiere: Fische anhand der Ohrknochen, Tintenfische anhand ihrer schnabelähnlichen Mundpartie. Das ist Robbenforschung zwischen Funktechnik und Fäkalien.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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© SMRU


Sea Mammal Research Unit

Die Sea Mammal Research Unit (SMRU), die Forschungseinrichtung für Meeressäuger, hat ihren Sitz an der St. Andrews University in Schottland. Sie erforscht das Leben und den Lebensraum von Walen, Delfinen, Robben und anderen Meeressäugern und berät öffentliche und private Organisationen in Fragen des Tierschutzes. Zu ihren offiziellen Aufgaben gehört es auch, jedes Jahre einen Bericht zum Zustand der britischen Robbenpopulationen zu erstellen. Hierzu arbeitet die SMRU mit dem National Environment Research Council ( NERC) zusammen.

Homepage:  www.smru.st-andrews.ac.uk


Wie viele Robben gibt es eigentlich?

Herauszufinden, wie viele Kegelrobben und Seehunde sich wirklich in britischen Gewässern tummeln, ist für die Forscher keine einfache Aufgabe. Es gilt: Unterschiedliche Robben erfordern unterschiedliche Maßnahmen.

Kegelrobbe (engl.: Grey Seal; lat.: Halichoerus grypus). © Andreas Trepte, www.photo-natur.de

Kegelrobben brüten in großen Kolonien. Hier bringt jede Robbenmutter ein schneeweißes Junges zur Welt. Mit einem Flugzeug fliegen die Forscher über die Brutplätze und fotografieren diese aus der Luft. Im heimischen Büro zählen die Forscher dann den leuchtend weißen Nachwuchs. Mittels eines statistischen Modells errechnen sie aus der Anzahl der Jungen die gesamte Kegelrobben-Population. Die Hochrechnungen für 2007 lagen bei etwa 160.000 Tieren.

Seehund (engl.: Common Seal; lat.: Phoca vitulina). © Andreas Trepte, www.photo-natur.de

Seehunde bringen – anders als Kegelrobben – ihre Junge abgeschieden von der Gruppe allein zur Welt. Der Nachwuchs hat auch bereits im Mutterleib seinen weißen Pelz verloren und kann schon wenige Stunden nach der Geburt schwimmen. Deswegen zählt man die Seehunde am besten, wenn sie im August an Land kommen, um ihr Fell zu wechseln. Da sie gerade auf steinigem Untergrund schwer zu erkennen sind, benutzen Forscher eine Thermokamera, die noch aus drei Kilometern Entfernung die Körperwärme der Seehunde erspürt. Den damit gewonnenen Schätzungen zufolge gab es 2007 rund 25.000 Seehunde in den Gewässern um Großbritannien.

(Quellen: SMRU  1,  2)


Das große Seehund-Sterben

Europäische Seehunde tummeln sich in der Nordsee, im Wattenmeer an der dänischen Küste und in den Gewässern der britischen Inseln. Jahrzehntelang hatte man ihnen durch gezielte Jagd zugesetzt. Ende der 1980er Jahre jedoch zeigten die nationalen Jagdverbote Wirkung: Die Bestände erholten sich – bis sich im April 1988 eine Katastrophe anbahnte.

Das Fiasko begann an der Nordküste Dänemarks, wo die Seehunde plötzlich an Lungenentzündung zu erkranken schienen. Das Seehund-Sterben breitete sich über das Wattenmeer aus und erreichte im August 1988 die britischen Inseln. Hier starben 45 Prozent aller Seehunde an einem Virus, das Forscher später Phocine Distemper Virus tauften, kurz PDT. Eingeschleppt hatten den Erreger offensichtlich Sattelrobben, die aus der Beringsee in europäische Gewässer gezogen waren. Nach einem Sommer war die Epidemie vorbei. Im Jahre 2002 jedoch kehrte das Virus zurück – aus unbekanntem Grund. Auch wenn diesmal nur ein Fünftel der englischen Seehunde starben: Die Population hat sich lange nicht davon erholt.

(Quelle:  SMRU)


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