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02/16/10

Frankreich | Der Kampf gegen die schwarze Pest aus Öl

Für die Besatzung des Science-Guide-Forschungsschiffs heißt es: Rein ins Ölzeug und Sand schaufeln! Der hauseigene Strand des Cedre-Forschungszentrums für unfallbedingte Wasserverschmutzung im französischen Brest ist Trainingsgelände für all jene, die bei der Bekämpfung einer realen Ölkatastrophe helfen. Der Kampf gegen die schwarze Pest ist eine Wissenschaft für sich.

Von Nora Schlüter

Schmieriger Schlamassel
Am Übungsstrand des Cedre proben Helfer für den Ernstfall. © Cedre

Der helle Sand des flachen Strandes ist von stinkendem, schwarzem Schleim bedeckt. Er schwappt vom Ufer her an Land, träge und zäh. Die Männer, die der Ölschicht mit Hochdruckreinigern zu Leibe rücken, tragen befleckte Regenkleidung, Gummistiefel, Handschuhe, Schutzhelme. Gewissenhaft versuchen sie, der Ölpest Herr zu werden, die über dieses Stückchen Küste hereingebrochen ist.

Der Strand indes ist solch schmierigen Schlamassel gewohnt. Schuld daran sind keine maroden Öltanker oder rücksichtslose Altöl-Entsorger, sondern die Mitarbeiter des Cedre, des französischen Zentrums zur Dokumentation, Erforschung und Untersuchung unfallbedingter Wasserverschmutzung. Dieser Strand ist ihr persönliches Trainingsgelände: ein künstlich aufgeschütteter, sorgfältig abgeschotteter Küstenstreifen im Hafengebiet der Stadt Brest, wo das Institut 1979 gegründet wurde. Auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern – das ist fast so groß wie ein Fußballfeld – proben hier sowohl die Angestellten als auch Kursteilnehmer aus zahlreichen Länder für den Ernstfall: die Ölpest.

Jener Ernstfall, der Anlass zur Gründung des Instituts war, trat 1978 in Frankreich ein: Vor der bretonischen Küste lief der in Liberia registrierte Öltanker Amoco Cadiz während eines Sturms auf Grund. Er zerbrach und 230.000 Tonnen Öl ergossen sich ins Meer – das größte Tankerunglück das es bis dahin weltweit gegeben hatte. Der Ölteppich, der an die Küste trieb, hatte verheerende Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt: Mehr als 20.000 Vögel starben infolge des Unglücks.

Katastrophenforschung im Wassertank
Der Öltanker Amoco Cadiz lief vor der bretonischen Küste auf Grund. © NOAA/Wikimedia Commons

Um auf solche Katastrophen in Zukunft besser vorbereitet zu sein, wurde das Cedre ins Leben gerufen. Hier kümmert man sich um alle Aspekte der Wasserverschmutzung. Zusätzlich zum künstlichen Strand gibt es beispielsweise ein "Polludrom": einen Tank, in dem das Verhalten von Schadstoffen im Meer simuliert werden kann. Die Wissenschaftler können Wellenstärke, Wasser- und Lufttemperatur kontrollieren; außerdem lassen sich die Bedingungen auf offenem Meer und an der Küste simulieren.

Weiß man, wie sich die ausgetretenen Substanzen verhalten, kann man umso effektiver gegen sie vorgehen. Dieses Expertenwissen der Cedre-Mitarbeiter ist sehr gefragt. Bis zu 200 Anrufe im Jahr verzeichnet ihre Notruf-Hotline – die Anrufer sind meist Hafenmeister, Feuerwehrleute oder Mitarbeiter von Chemieunternehmen, die kleinere Verschmutzungen in den Griff bekommen müssen. Doch auch bei größeren Unglücken ist die Hilfe aus Frankreich gefragt. "Das Zentrum war bei allen großen Unfällen in Europa und weltweit im Einsatz", erzählt Christophe Rousseau , stellvertretender Leiter des Cedre, in einem  Video der Einrichtung.

Aufräumarbeiten im Meer
Üben für den Ernstfall: Ölsperren können die Ausbreitung von Ölteppichen eindämmen. © U.S. Navy. Foto: Paul Farley

Um die Verschmutzung einzudämmen, gibt es eine Vielzahl von Methoden: Bei ruhigem Wetter werden Ölteppiche auf dem Wasser mit schwimmenden Sperren eingefangen und abgeschöpft. Wo das nicht geht, kommen so genannte Dispergatoren zum Einsatz: Chemikalien, die das Öl fein im Wasser verteilen. So bildet sich keine dicke Ölschicht, welche Seevögel und Küstenstreifen gefährdet – die kleinen, im Wasser verteilten Öltröpfchen schaden dann allerdings den Lebewesen in tieferen Meeresregionen. Die besten Ölvernichter stammen aus der Natur selbst: Einige Mikroorganismen können Öle zu Wasser und Kohlenstoffdioxid verdauen. Da dies normalerweise recht langsam geschieht, haben Wissenschaftler spezielle Nährstofflösungen entwickelt, die den Appetit der Bakterien enorm steigern.

Die kleinen Helfer dürften im Meer nicht lange hungrig bleiben. Tankerunfälle sind zahlreich, wenn auch nicht immer verheerend. Für den Zeitraum von 1957 bis 2008 sind 177 größere Vorkommnisse in der  Online-Datenbank des Cedre eingetragen. Der Untergang der Amoco Cadiz im Jahre 1978, einst die größte Öltankerkatastrophe aller Zeiten, schaffte es Ende 2008 nur noch auf Platz 8 der Verschmutzungsrangliste. Die bis dahin größte Ölmenge – 800.000 Tonnen – gelangte 1991 während des Golfkriegs ins Meer.


Die fünf größten Ölkatastrophen

Ölmenge Jahr Ort Quelle
ca. 800.000 t 1991 Kuwait Golf-Krieg
ca. 500.000 t 1979 Golf von Mexiko Offshore-Ölbohrung IXTOC 1
299.000 t 1992 Usbekistan Fergana-Bohrung
276.000 t 1979 Tobago Öltanker Atlantic Express
260.000 t 1991 Angola Öltanker ABT Summer

(Quelle: www.blacktides.com; Stand: 2008)

Eine ständig aktualisierte Karte, auf der die größten Tankerunglücke eingezeichnet sind, gibt es beim  Cedre.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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© Mila Zinkova/Wikimedia Commons


Cedre

Das Centre de Documentation, de Recherche et d'Expérimentations sur les pollutions accidentelles des eaux, zu Deutsch "Zentrum zur Dokumentation, Erforschung und Untersuchung unfallbedingter Wasserverschmutzung", wurde am 25. Januar 1979 im französischen Brest gegründet. Seine Mitarbeiter helfen bei Tankerunglücken, entwickeln Maßnahmen zur Bekämpfung von Verschmutzungen, bilden Helfer aus, beraten sie und entwickeln Notfallpläne. Das Zentrum hat ein jährliches Budget von 4,5 Millionen Euro und unterhält Zweigstellen am Mittelmeer und in der Karibik.
Homepage:  www.cedre.fr


Die Sonnenblumenöl-Pest

Es muss nicht immer Rohöl sein: Im Januar 1991 strandete der Frachter "Kimya" im Sturm vor der walisischen Küste. Im Laufe der nächsten sechs Monate floss die gesamte Fracht ins Meer: 1500 Tonnen Sonnenblumenöl. Zuerst dachte man sich nichts dabei – was sollte eine solch harmlose Flüssigkeit schon anrichten? Im Herbst jenes Jahres entdeckten Strandbesucher jedoch etwas im Sand, das nach Kaugummikugeln aussah. Gleichzeitig setzte ein regelrechtes Muschelsterben ein.

Im Labor stellte sich schließlich heraus, dass sich die Moleküle des Sonnenblumenöls durch den Wellengang zu größeren Molekülen verkettet und mit dem Sand eine undurchdringliche Schicht gebildet hatten, unter der Muscheln und andere Lebewesen im Sand einfach erstickten. Teile der zähen Masse hatten die mysteriösen Kugeln geformt. Die Folgen der Sonnenblumenöl-Pest waren noch Jahre später sichtbar: Sechs Jahre nach dem Unglück fand man die Öl-Sand-Kugeln.

(Quelle:  Cedre)


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