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02/16/10

Deutschland | Das AWI forscht in der nördlichsten Siedlung der Welt

Wer sich an Deck des Science-Guide-Forschungsschiffs wagt, sollte sich für die nächste Etappe warm anziehen. Ziel der Reise ist die nördlichsten Siedlung der Welt auf der Insel Spitzbergen, wo das deutsche Alfred-Wegener-Institut eine Forschungsstation betreibt. Die dortigen Wissenschaftler haben mit eingeschneiten Gerätschaften, steif gefrorenen Fingern, langen Polarnächten und hungrigen Eisbären zu kämpfen.

Von Nora Schlüter

Forschen in Ny-Ålesund | Nördlicher geht´s nicht
Großes Vorbild: Roald Amundsen wacht über die Forschung am AWIPEV. © Hannes Grobe/Wikimedia Commons

Die nördlichste Zeitung der Welt erscheint bei 78,9° Nord und 11,9° Ost in Ny-Ålesund, einem Örtchen, in der eisigen Kälte Spitzbergens. Dabei ist die unregelmäßig erscheinende  "Spitzbergener Zeitung" keineswegs eine norwegische Inselpostille – und Ny-Ålesund ist keineswegs ein normaler Ort. Seine rund 30 dauerhaften Bewohner sind Wissenschaftler, Techniker und Versorgungspersonal – Menschen aus zehn Ländern, die hier in arktischer Kälte Polarforschung betreiben. Die wissenschaftlichen Stationen, die sich in Ny-Ålesund zusammendrängen, gehören den Italienern und den Briten, den Norwegern und Niederländern, den Japanern, Chinesen, Südkoreanern, ja sogar den Indern.

Die Deutschen und die Franzosen, die bis zum Jahre 2003 unabhängig voneinander die Koldewey- und die Rabot-Station betrieben, arbeiten nun zusammen in der gemeinsamen Forschungsbasis des deutschen Alfred-Wegener-Instituts und des französischen Polarinstituts Paul Emile Viktor, kurz AWIPEV. Von ihren Erlebnissen zwischen Eisstürmen und Laborarbeit, Nordlicht und Polarnacht berichten sie in der "Spitzbergener Zeitung". Zumindest, wenn es die Zeit zulässt. "Die Zeitung wird als Feierabendbeschäftigung erstellt", sagt der Leiter der deutsch-französischen Forschungsstation, Markus Schumacher. "Wir planen, uns an die Redaktion einer neuen Ausgabe zu machen, sobald wir dazu kommen. Wann das sein wird, können wir aber noch nicht absehen."

Ungemütlich | Frierende Forscher, hungrige Bären
Trügerische Idylle: Der Klimawandel macht den Eisbären zu schaffen. © U.S. Fish and Wildlife Service/Wikimedia Commons

Die Mitarbeiter des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) haben Erfahrung mit der Arbeit im ewigen Eis: Seit Gründung des Instituts im Jahre 1980 haben sie sich der Polar- und Meeresforschung verschrieben. Zum Institut gehören Deutschlands größtes Forschungsschiff – der Eisbrecher "Polarstern" –, zwei Polarflugzeuge und eine Reihe von Forschungsstationen im äußersten Norden und im äußersten Süden der Erde. Am anderen Ende der Welt, in der Antarktis, wurde im Frühjahr 2009 die neue Station  Neumayer III eingeweiht. Sie hat ihren beiden Vorgängerstationen einiges voraus: So steht sie auf hydraulischen Füßen, die die Station Jahr für Jahr ein Stückchen anheben und dadurch verhindern, dass das Gebäude langsam im Schnee versinkt.

Ein Problem, mit dem sich die Forscher aus Ny-Ålesund herumschlagen müssen, haben ihre Kollegen am Südpol jedoch nicht: Eisbären. Aus ausreichender Entfernung betrachtet mögen sie ganz niedlich aussehen. Eine direkte Begegnung mit den zotteligen Jägern kann jedoch schnell unangenehm werden. Zum Reisegepäck jedes Polarforschers auf Spitzbergen gehört daher eine "Eisbären-Abwehrausrüstung". Diese besteht aus einer Leuchtpistole und einem Gewehr, mit dem die Bewohner der Station regelmäßig ein Schießtraining absolvieren müssen. Arterhaltung in allen Ehren – als Mahlzeit der bedrohten Bären möchte dann doch niemand enden.

Das große Schmelzen

Schießtraining und Schreiberei: Das sind natürlich nicht die Hauptbeschäftigungen in Ny-Ålesund – hauptsächlich wird eifrig geforscht. Besonders interessiert sind die Wissenschaftler daran, wie sich die Umweltbedingungen in der Arktis im Laufe der Zeit ändern – und wie sich die Organismen daran anpassen. In den nördlichen Polargebieten sind die Auswirkungen des Klimawandels längst deutlich sichtbar: Jahr für Jahr bildet sich weniger Eis auf dem Nordpolarmeer, ganze Bereiche bleiben vollständig eisfrei. Das macht unter anderem den Eisbären zu schaffen: Wo sie in der Vergangenheit jeden Winter auf der Suche nach Beute übers Eis gewandert sind, sehen sie sich plötzlich mit unüberwindbaren Wassermassen konfrontiert.

Um die Veränderungen genau zu erfassen, führen die Wissenschaftler auf Spitzbergen vor allem Langzeitmessungen durch. So lassen sie jeden Tag einen Ballon mit Radiosonden steigen, welche Temperatur und Luftfeuchtigkeit registrieren. Auf dem Boden des Polarmeeres selbst übernimmt eine unbemannte Station die Datenmessung: das  Meeresboden-Observatorium "Hausgarten". Den ungewöhnlichen Namen hat die Station erhalten, da sie der AWIPEV wie ein Vorgarten vorgelagert ist und weil die Forscher hier auch regelmäßig Experimente am Meeresboden und in der Wassersäule durchführen – sie beackern sozusagen ihren eigenen Garten der Erkenntnis. In Zukunft wird der Hausgarten zu einer europaweiten Infrastruktur solcher Unterwasser-Messstationen gehören, als Teil des Projekts  ESONET.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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© AWI


Alfred-Wegener-Institut

Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) wurde am 15. Juli 1980 gegründet und ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft. Knapp 800 Beschäftigte arbeiten inzwischen am und für das Institut. Neben dem Hauptsitz in Bremerhaven betreibt das AWI die Biologische Anstalt Helgoland, die Wattenmeerstation Sylt und Forschungs-stationen in der Arktis und Antarktis. Benannt wurde das Institut nach dem deutschen Polarforscher und Geowissen-schaftler Alfred Wegener (1880-1930).


Deutsche Meeresforschungsinstitute

Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung
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Forschungsinstitut Senckenberg
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Geoforschungszentrum Potsdam
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GKSS Forschungszentrum Geesthacht
( Zur Homepage
Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften IFM-GEOMAR
( Zur Homepage)
Leibnitz-Institut für Ostseeforschung
( Zur Homepage)
MARUM Zentrum für marine Umweltwissenschaften
( Zur Homepage)
Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie
( Zur Homepage)


Angeberwissen | Ny-Ålesund

Eisfrei statt hitzefrei: Ny-Ålesund im Sommer. © Jens Kube/Wikimedia Commons



• Ny-Ålesund liegt auf Spitzbergen, der Hauptinsel des Svalbard-Archipels, und gehört damit zu Norwegen. Die Entfernung zum Nordpol beträgt etwa 1200 km, bis nach Bremerhaven sind es 2800 km.

• Ny-Ålesund ist die nördlichste nicht-militärische Siedlung der Welt. In den Forschungsstationen leben im Winter rund 30, im Sommer bis zu 120 Personen.

• Ny-Ålesund wurde 1901 als Bergbausiedlung gegründet. Der Steinkohleförderung setzte ein Grubenunglück im Jahre 1963 ein Ende. Seit 1966 dient das Dorf als Forschungsstation.

• Zwischen Deutschland und Ny-Ålesund gibt es keine Zeitverschiebung.

 • Die Polarnacht in Ny-Ålesund dauert etwa vier Monate. Im Jahresdurchschnitt ist es mit -6,4° Celsius recht mild für solche Breitengrade.

• Ny-Ålesund hat sein eigenes Hotel: das Nordpol Hotellet.

(Quellen:  AWI,  Polarjahr.de,  Wikipedia)


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