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Mammografie-Vorsorge | "Alles Propaganda"

Mammografie-Aufnahme: Früherkennungsprogramme für Brustkrebs bergen auch Gefahren © pressetext.de

science-guide.eu: Herr Gøtzsche, Früherkennungsprogramme – auch Screenings genannt – erscheinen auf den ersten Blick sinnvoll, insbesondere die so genannte Mammografie für Frauen als Vorsorge gegen Brustkrebs. Immerhin gibt es Studien, die belegen, dass die Sterblichkeitsrate von jenen Frauen mit Brustkrebs sinkt, die zur Vorsorge gegangen sind.

Peter Gøtzsche: Das ist richtig; es gibt eine allgemeine Überzeugung, dass Screenings die Sterblichkeitsrate von Frauen, die an Brustkrebs erkranken, senken. Allerdings haben wir und auch eine unabhängige US-amerikanische Organisation herausgefunden, dass dieser Effekt tatsächlich eher gering ist. Sehr viel häufiger sind Schäden und die Gefahren, die von den Screening-Programmen ausgehen.

science-guide.eu: Welche Gefahren sind das?

Gøtzsche: Die größte Gefahr ist, dass Ärzte Brustkrebs bei Patientinnen feststellen, die absolut gesund sind und die auch weiterhin gesund geblieben wären für den Rest ihres Lebens ("falsch-positiver Befund", Anm. d. Red.). Was die Menschen nicht wahrnehmen, ist, dass man Krebs praktisch in jeder Person mittleren Alters findet. Die meisten dieser Krebserkrankungen sind harmlos. Allerdings sieht man ihnen das nicht an, wenn sie entdeckt werden. Deswegen werden sie alle behandelt. So werden auch viele Frauen behandelt, die ohne Screening niemals hätten ärztlich versorgt werden müssen.

science-guide.eu: Aber vielen Frauen bringt die Behandlung doch etwas. Wo liegt das Problem in einigen Fehldiagnosen?

Gøtzsche: Nur eine einzige Frau von 2000, die über zehn Jahre hinweg (jährlich) zur Mammografie gegangen sind, wird ihr Leben dadurch verlängert haben. Im Gegenzug wird bei zehn der untersuchten Frauen ein Tumor diagnostiziert, ohne dass sie krank sind. Dieses harmlose Geschwür wird dann behandelt. Weitere 200 von den 2000 Frauen erhalten eine falsch-positive Diagnose. Sie glauben also, sie hätten Krebs, bis diese Feststellung sich als falsch erweist. Bis dahin warten sie wochenlang auf eine endgültige Diagnose. In dieser Zeit werden die Frauen von Angst und Sorge begleitet, ihre Beziehungen zu Familien und Freunden werden negativ beeinflusst sowie auch ihr sexuelles Verlangen und weitere Dinge. Diese Gefahren sind wirklich gewaltig. 200 von 2000 Frauen: Das entspricht immerhin zehn Prozent der gesunden weiblichen Bevölkerung, in der Altersgruppe, die zur Mammographie eingeladen werden und die eine falsche Diagnose bekommen – in Deutschland Frauen zwischen 50 und 69 Jahren.

science-guide.eu: Wie gut werden Frauen über diese große Zahl an Fehldiagnosen im Vorfeld aufgeklärt?

Gøtzsche: Fast gar nicht. Studien haben gezeigt, dass die meisten Frauen nicht wissen, dass die Mammographie ihnen auch schaden kann.

science-guide.eu: Wieso ist das so?

Gøtzsche: Es gibt viel Propaganda - nicht nur in den Medien, sondern auch in den Einladungen und Empfehlungen, die Frauen von ihren Ärzten bekommen. Hier werden selten, fast nie, die häufigsten Gefahren von Screenings thematisiert. Zudem gibt es unglücklicherweise auch Propaganda in der wissenschaftlichen Fachliteratur. Diese wird hauptsächlich von Leuten verfasst, die fest an Screenings glauben. Meist sind dies Ärzte, die unkritisch mit dem umgehen, was sie selbst tun.

science-guide.eu: Was ist mit Broschüren für die Öffentlichkeit, die etwa auch von Gesundheitsministerien und Regierungsbehörden veröffentlicht werden? Wird darin über die Gefahren der Mammografie aufgeklärt?

Gøtzsche: Nein. Wir haben uns eine Vielzahl von Broschüren aus Ländern mit öffentlich finanzierten Screening-Programmen angeschaut. Nicht eine davon erwähnt die größte Gefahr des Screenings, nämlich die Krebsbehandlung bei kerngesunden Frauen*.

science-guide.eu: Warum erfahren Frauen von öffentlichen Stellen und auch in den Medien so wenig über die Fälle von Fehldiagnosen?

Gøtzsche: Das ist mir selbst ein Rätsel! Ich bin mir sicher, dass die meisten Länder Gesetze über Einverständniserklärungen von Patienten haben. Hier sollte geregelt sein, dass eine Person über die häufigsten Gefahren eines Eingriffs, die ein Arzt ihr rät, informiert werden muss. Dies ist zumindest bei Patienten der Fall. Hier sprechen wir aber von gesunden Menschen und da sollte die Pflicht, über Gefahren zu informieren, sogar noch gewichtiger sein. Ich kann nicht verstehen, warum Regierungen in dieser Hinsicht praktisch ihre eigenen Gesetze brechen. Der Grund für falsche Informationen zu Screening-Programmen könnte darin liegen, dass viele Leute nicht mehr zur Mammografie gingen, wenn ihnen die Wahrheit gesagt würde. Und es könnte keine Vorsorge bei Brustkrebs mehr angeboten werden. Die erste Pflicht einer jeden Regierung sollte gegenüber ihren Bürgern sein und nicht gegenüber einer Untersuchung, die man eingeführt hat.

science-guide.eu: Offensichtlich sind wir schlecht informiert, was Screening-Programme angeht. Wie lässt sich das ändern?

Gøtzsche: Das ist schwierig. Tatsächlich haben wir vom Nordic Cochrane Centre selbst eine  Informationsbroschüre geschrieben. Diese haben wir sehr sorgfältig mit Allgemeinmedizinern und Fachleuten in Dänemark, Norwegen und Schweden abgestimmt. Darin gibt es sehr gute Verbesserungsvorschläge. Screening-Programme sind nicht komplett nutzlos, sie haben nur einen geringen Effekt auf die Sterblichkeitsrate bei Brustkrebs. Es gibt Leute, die vorschlagen, das Geld für die Mammografie könnte besser verwendet werden. Dies ist zwar eine politische Debatte, doch denke ich auch, dass es sehr einfach scheint, das Geld besser auszugeben. Nicht nur für die Brustkrebsvorsorge, sondern auch für andere Krankheiten. Generell müssen wir aber mit ehrlichen Informationen den Weg nach vorne gehen.


Die Fragen stellte Sven Stockrahm.

* In der  aktuellen Broschüre der Kooperationsgemeinschaft Mammographie und des Deutschen Krebsforschungszentrums hat sich dies gebessert. Unter der Überschrift "Welche Vor- und Nachteile gibt es?" steht: "Ein Teil der Tumoren wäre ohne Mammographie nie auffällig geworden. Subjektiv gesunde Frauen werden so unnötig zu Brustkrebspatientinnen."


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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Zur Person

Peter Gøtzsche ist Direktor des  Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen. Das unabhängige Forschungs- und Informationsinstitut ist Teil des internationalen Netzwerks der Cochrane Collaboration. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, die vielen Studien zu bestimmten Themen miteinander zu vergleichen (Metaanalysen) sowie die Öffentlichkeit mit den Ergebnissen dieser Analysen und Berichten über Fragen der Gesundheitsversorgung aufzuklären und zu informieren.

Peter Gøtzsche: Direktor des Nordic Cochrane Centre © privat


Mammografie

Die Untersuchung

Die nackte Brust wird zwischen zwei Plexiglasscheiben gelegt, die die Brust kurz zusammen drücken. Währenddessen durchlaufen Röntgenstrahlen das Gewebe. Einige Patienten empfinden den Druck als unangenehm oder schmerzhaft. Schließlich werden bis zu zwei Aufnahmen pro Brust gemacht, eine von oben nach unten und eine schräg von der Seite. Innerhalb von etwa anderthalb Wochen erfahren die Patienten das Ergebnis ihrer Untersuchung. Die Zeitspanne ist nötig, weil zwei Ärzte die angefertigten Schwarzweißaufnahmen beurteilen müssen. Wenn die Ärzte Anzeichen für eine mögliche Veränderung im Brustgewebe entdecken, wird die Patientin zu weiteren Untersuchungen gebeten. Der behandelnde Mediziner tastet die Brust ab, und es werden eventuell weitere Röntgenbilder aufgenommen. In einigen Fällen ist eine Biopsie nötig. Dazu wird über eine Hohlnadel ein Teil des Brustgewebes entnommen und anschließend untersucht.

Quelle:  Kooperationsgemeinschaft Mammographie
Verwirrende Zahlen
Viele Informationsbroschüren suggerieren Frauen, dass Ihnen die Mammografie weitaus mehr nutzt als tatsächlich belegt ist. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass Patienten derzeit in Deutschland kaum informierte Entscheidungen treffen können. Das liegt zum großen Teil an der Qualität der verfügbaren Gesundheitsinformationen für die Bürger. So gehen fast 20 Prozent von befragten Deutschen davon aus, dass knapp zwischen 50 und 99 von 1000 Frauen weniger an Brustkrebs sterben, sofern sie regelmäßig zur Früherkennung gegangen sind. Immerhin noch 13,5 Prozent der Menschen gaben in der repräsentativen Umfrage an, dass über 900 Frauen gerettet werden können, wenn 1000 zur Mammografie gehen würden. Tatsächlich müssen sich 1000 Frauen zehn Jahre lang regelmäßig untersuchen lassen, damit ein Todesfall verhindert wird. Die richtige Antwort kannten weniger als ein Prozent der Befragten.
Quelle:  IQWiG und Max-Planck-Institut für Bildungsforschung


Weiterführende Informationen

Viele weitere Erklärungen zu Mammografie und Krebs finden Sie beim Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums.  Zur KID-Homepage







Brustkrebs in Deutschland und weltweit

In Deutschland erkranken derzeit pro Jahr rund 57.000 Frauen an Brustkrebs. Diese Tumorart ist die häufigste Krebsneuerkrankung bei Frauen hierzulande und macht etwa ein Viertel aller Krebsfälle aus. Das mittlere Erkrankungsalter liegt für Frauen bei 63 Jahren. Die Brustkrebsfälle steigen seit den 1980er Jahren stetig an, allerdings sterben seit den 1990er Jahren weniger Frauen an der Erkrankung – jedes Jahr etwas weniger als 30 Frauen pro 100.000 Einwohner in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit, die nächsten fünf Jahre mit einer Brustkrebsdiagnose zu überleben, liegt bei knapp über 80 Prozent.

Weltweit sterben nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation WHO an Brustkrebs pro Jahr rund 538.000 Menschen (Frauen und Männer zusammen). Die Erkrankung ist zudem die häufigste Krebsart bei Frauen weltweit.

Quellen:  "Krebs in Deutschland"-Broschüre von 2008 des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland (GEKID),   Weltgesundheitsorganisation



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