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03/09/11

Verhalten | Verständigung nach Affen-Art

"Ich glaub´, mich laust ein Affe." © privat

Zwei Affen sitzen in der Sonne und lausen sich gegenseitig: So sieht affentypische Körperpflege aus. Unterhalten sich Affen dabei auch wie die Menschen beim Frisör? Wie Affen miteinander kommunizieren und was sie überhaupt verstehen, das untersucht der Forschungszweig "Kognitive Ethologie". Dafür gibt es am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) eine eigene Abteilung. Leiterin Julia Fischer im Interview.

science-guide.eu: Was erforscht die kognitive Ethologie?
Julia Fischer: Der Ansatz der kognitiven Ethologie ist, das Tier in seiner natürlichen Umgebung zu betrachten, wo es zum Beispiel echte Raubfeinde gibt und das Tier Futter suchen muss. Wir erforschen die Entwicklung kognitiver und kommunikativer Prozesse von Tieren. Vor dem evolutionstheoretischen Hintergrund fragen wir uns zum Beispiel, welche Informationen ein Tier eigentlich verarbeitet und wie es diese weitergibt. Das Tier wird also gewissermaßen als ein informationsverarbeitendes Wesen gesehen.

science-guide.eu: Was hat die kognitive Ethologie bisher erreicht?
Fischer: Der amerikanische Zoologe Donald Griffin hat sich sehr stark dafür interessiert, ob Tiere Bewusstsein haben. Er war der erste Forscher auf diesem Gebiet und hat auch den Begriff der kognitiven Ethologie bekannt gemacht. Inzwischen sind viele weitere Forschungsgebiete hinzugekommen. Diese beschäftigen sich mit Gedächtnisforschung oder damit, ob Tiere in die Zukunft planen und wie das dann aussehen würde, oder damit, wie Tiere ihren Weg in der Umwelt finden. Und nicht zuletzt wird auch die soziale Umwelt untersucht, also was sie übereinander wissen und wie sie kommunizieren. Bisher zeigt sich: Die Informationsverarbeitung kann ziemlich komplex sein, und trotzdem kann man sie manchmal schon mit ganz einfachen Mechanismen erklären.

Zum Beispiel die Navigation von Ameisen: Ameisen finden in ihr Nest zurück, auch über Hunderte von Metern. Es ist umwerfend, was sie alles verarbeiten können. Aber wenn man dann die neuronalen Grundlagen aufklärt, sieht man, dass das zum Teil ganz einfache Mechanismen sind. Ameisen haben nur einige hundert Tausend Nervenzellen, Menschen dagegen um die hundert Milliarden. Sie kommunizieren sehr stark über Duftstoffe. Entdeckt eine Ameise zum Beispiel eine Nahrungsquelle, hinterlässt sie eine Duftspur und leitet somit die anderen Ameisen dorthin.

science-guide.eu: In Ihrem Forschungsgebiet spielen die physikalische und die soziale Kognition von Tieren eine wichtige Rolle. Was ist das jeweils genau?
Fischer: Physikalische Kognition beschäftigt sich damit herauszufinden, was Tiere über Mengenverhältnisse, räumliche Verhältnisse und Kausalbeziehungen wissen. Die soziale Kognition beschäftigt sich zurzeit vornehmlich mit der Frage, ob Tiere verstehen, dass andere Subjekte, seien es jetzt Experimentatoren oder andere Tiere, ein eigenes mentales Leben haben. Also, dass auch andere Tiere denken, beobachten und daraus Schlüsse ziehen. Dazu gehört dann auch die Frage der so genannten kommunikativen Intention, also: Versteht das Tier, dass ihm jemand etwas zeigen will? Und richtet sich das Tier danach, wenn es einen Hinweis bekommt?

Was wir herausgefunden haben, ist, dass sich Tiere keine Hinweise geben und dass sie auch nicht verstehen, wenn man ihnen einen Hinweis geben will. Hunde vielleicht schon, aber Affen nicht. Unsere nächsten lebenden Verwandten haben damit erstaunliche Schwierigkeiten. Aber zur sozialen Kognition gehört noch mehr, zum Beispiel zu wissen, wer mit wem befreundet ist, wer mit wem verwandt ist, wie die Rangbeziehungen in meiner Gruppe sind. Und da sind Affen hervorragende Beobachter. Die wissen ganz genau, wer mit wem ein Paar bildet. Und der dritte Teil der sozialen Kognition ist, das Verhalten der anderen zu beobachten, um vorherzusagen, wo es zum Beispiel etwas zu essen gibt. Der Affe sieht ein Bewegungsmuster und weiß: Wenn der andere Affe so geht und sich so hält, dann heißt das, er hat zum Beispiel einen besonders tollen und begehrenswerten Pilz gefunden.

Ein schönes Beispiel für soziale Kognition ist das Blick-Folge-Verhalten: Eine ganz wichtige Informationsquelle ist, wo jemand anderes hinguckt. Das kennen wir von uns Menschen auch. Wenn jemand nach oben guckt, dann schauen wir unwillkürlich hinterher. Die Frage ist: Wie funktioniert das? Ist das ein Reflex, also mehr oder weniger unwillkürlich? Oder überlegen wir ganz kurz, ob wir auch dort hingucken sollen, weil der andere dort etwas sieht? Bei Affen ist das Blick-Folge-Verhalten in der experimentellen Situation mit einem Menschen sehr stark ausgeprägt. Wie das in der normalen Gruppe aussieht, haben wir uns bei Berber-Affen angeguckt. Wir haben herausgefunden, dass ein Affe eher dem Blick eines anderen folgt, wenn dieser auch noch einen Gesichtsausdruck dabei macht, zum Beispiel einen ängstlichen. Also ist es wohl ein reflexartiges, angeborenes Verhalten, das aber auch noch im Kopf gesteuert wird.

science-guide-eu: Warum wissen Affen so gut über Beziehungen untereinander Bescheid?
Fischer: Ich glaube, weil es für sie einfach überlebenswichtig ist zu wissen, wer sich mit wem wie verhält. Zum Beispiel können zwei eine Koalition gegen einen Dritten bilden. Wenn ein Männchen sich für ein Weibchen interessiert, das schon einen Paarungspartner hat, der in der Hierarchie einen höheren Rang hat, dann braucht das interessierte Männchen es erst gar nicht zu versuchen. Affen beobachten das. Ich glaube nicht, dass dazu ganz große mentale Fähigkeiten nötig sind, sondern einfach eine hohe Motivation, die anderen zu beobachten. Und der Rest wird vermutlich statistisches Lernen sein, das heißt, dass die Tiere durch wiederholte Erfahrungen zu ihrem Wissen kommen. Aber vielleicht ist es auch wirklich etwas komplizierter: Es könnte sein, dass Affen Konzepte haben. Dann würden sie erkennen, dass ein bestimmtes Verhalten eine Partnerschaft darstellt und ein anderes Verhalten Verwandtschaft symbolisiert. Herauszufinden, ob sie Konzepte haben oder nicht, ist eine Aufgabe, vor der wir noch stehen. Aber zumindest kann man mit statistischem Lernen schon eine ganze Menge erklären.

science-guide.eu: Was muss bei der Forschung in der Kognitiven Ethologie beachtet werden?
Fischer: Man muss mit negativen Ergebnissen vorsichtig sein. Wenn man irgendetwas nicht findet, also wenn Tiere etwas in einem Experiment nicht können, dann ist es wichtig zu bedenken, dass sie es auch wirklich nicht können oder dass sie es einfach nicht unter den experimentellen Bedingungen tun. Das kennen wir von uns selber. Zum Beispiel bei einem Streichholzrätsel, bei dem geometrische Figuren mit Streichhölzern dargestellt werden. Zur Lösung des Rätsels müssen mehrere Streichhölzer umgelegt werden. Da sitzt man dann erst einmal davor und kommt nicht darauf. Aber wenn man dann das zehnte Streichholzrätsel gemacht hat, dann geht das wie von selbst, weil man sich einfach "eingedacht" hat. So kann es sein, dass man das Tier in eine Streichholzrätsel-Situation bringt und es versteht überhaupt nicht, worum es geht. Aber wenn es einmal eine Schwelle überwunden hat, funktioniert es dann doch.

science-guide.eu: Welches Ergebnis Ihrer Forschung hat Sie am meisten verblüfft?
Fischer: Verblüfft hat mich, wie ein schreiendes Paviankind auf einem Baum zurückgelassen wurde, von dem es nicht alleine herunterklettern konnte. Als die Mutter zurückkam, hat sie das Kind nur kurz in den Arm genommen und beruhigt. Sie ist dann alleine wieder hinab gestiegen und das Kind saß weiterhin auf dem Baum fest. Die Mutter war also wohl nicht in der Lage, sich in die Situation des Kindes hineinzuversetzen.

science-guide.eu: Was ist die wichtigste Erkenntnis der bisherigen Forschung?
Fischer: Die Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre, die nicht nur aus dem Göttinger Primatenzentrum stammen, zeigen, dass die Tiere sehr viel verstehen in ihrer Umwelt – nicht alles, aber vieles. Erstaunlicherweise hat sich aber auch gezeigt, dass die Primaten nicht darüber kommunizieren, was sie verstehen. Sie kommentieren bestimmte Sachen, die gerade passieren. Es gibt bestimmte Alarmrufe, einen Ausdruck von Wohlbefinden oder von Stress, aber es gibt keinen Austausch. Sie verstehen zwar die Kommunikation, auch die von anderen Arten. So können sie beispielsweise die Alarmrufe von Vögeln richtig bewerten und sich darauf einstellen. Aber sie sagen eigentlich nichts. Die Kommunikationsfähigkeit steht in keinem Verhältnis zu dem, was sie über die Welt wissen.

science-guide.eu: Was ist Ihr größtes Ziel, das Sie mit Ihrer Forschung erreichen möchten?
Fischer: Für die Forschung kann ich das nicht genau sagen. In der Lehre ist mein größtes Ziel allerdings, möglichst viele davon zu überzeugen, wirklich kritisch nachzudenken und wach zu sein. Außerdem möchte ich die Menschen auch davon überzeugen, dass man den Wert eines Tieres nicht danach bemessen sollte, wie ähnlich es dem Menschen ist.

Die Fragen stellte Thomas Dittko.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2010.







Zur Person

Julia Fischer. © privat

* seit 01.01.2010 Präsidentin der Europäischen Föderation für Primatologie
* seit 2004 Abteilungsleiterin der Kognitiven Ethologie am Deutschen Primaten Zentrum in Göttingen
* 2004 Habilitation an der Georg-August-Universität in Göttingen
* 2001-2004 Postdoctoral Fellow am Max-Planck Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig
* 1998-2000 Postdoctoral Fellow an der University of Pennsylvania (USA); Leitung einer 18-monatigen Feldforschung an wilden Baboon-Affen in Botswana
* 1996-1997 Postdoctoral Fellow an den National Instiutes of Health und der Harvard University (USA)
* 1996 Promotion an der Freien Universität Berlin zu dem Thema "Vocal communication of macaques"

Link-Tipps

Deutsches Primatenzentrum in Göttingen:  zur Homepage

Arbeitsgruppe Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum:  http://abteilung zur Homepage


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