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Klon-Food | Dolly for Dinner

Essen wir bald Koteletts und andere Lebensmittel von geklonten Tieren? © SXC

Klon-Mais mit Klon-Steak und dazu ein Klon-Kartoffelpüree: Wird so das Mittagessen der Zukunft so aussehen? Der wissenschaftliche Chef-Berater der irischen Regierung, Patrick Cunningham, hält ein Gen-Steak nicht für sinnvoll, schreckt davor aber nicht zurück.

science-guide.eu: Herr Cunningham, würden Sie ein Steak von einer geklonten Kuh essen?

Cunningham: Ja, das würde ich. Ich habe keine Angst vor gesundheitlichen Folgen.

science-guide.eu: Warum werden Tiere überhaupt geklont? Worin besteht der Vorteil, wenn das Erbgut eines Steaks, das ich esse, mit dem aus einem anderen Tier identisch ist?

Cunningham: Aus meiner Sicht ist es eine von der Technologie getriebene Entwicklung: Weil es möglich ist, wird es versucht. Aber ich sehe nicht, wo der Markt dafür ist.

science-guide.eu: In welchem Ausmaß sollen geklonte Lebensmittel produziert werden? Gibt es in 50 Jahren nur noch geklonte Kühe?

Cunningham: Das denke ich nicht. Wir haben heutzutage effiziente Fortpflanzungsmethoden, nicht nur die gewöhnliche, sondern auch die künstliche Befruchtung. Männliche Rinder können Millionen von Nachkommen haben. Es gibt die Embryonen-Produktion, bei der jährlich weltweit mehr als eine Millionen Embryonen hergestellt werden. Verglichen mit diesen Fortpflanzungsmethoden scheint mir das Klonen nicht als wettbewerbsfähig.

science-guide.eu: Wie weit ist die Forschung zu geklonten Tieren in der Nahrungsmittelproduktion schon gediehen? Wann kann man die Milch einer geklonten Kuh im Supermarkt kaufen?

Cunningham: Ich glaube nicht, dass das überhaupt passieren wird. Hauptsächlich, weil die Produktion von Klon-Tieren so teuer ist. Wie alle anderen Technologien hängt die Einführung vom Gleichgewicht zwischen Gewinn und Ausgaben zusammen. Wir wissen, wie hoch die Kosten sind: Eine geklonte Kuh herzustellen kostet zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Das ist einfach zu teuer. Eine gewöhnliche Kuh hingegen kostet ungefähr 1000 Euro. So lange sich mit dem Klonen kein Gewinn machen lässt, wird es nicht in die Lebensmittelproduktion eingeführt werden. Und wenn doch, dann denke ich, dass die Gewinne wahrscheinlich nicht hoch sein werden. Für die Lebensmittelindustrie sehe ich solche eine Entwicklung also nicht.

science-guide.eu: In welchem Bereich ist das Klonen von Nutztieren sinnvoll?

Cunningham: Theoretisch gesehen ist es ein Vorteil, dass man ein außergewöhnliches Tier mit besonderen Eigenschaften, die größtenteils auf dessen Gene zurückzuführen sind, vervielfältigen kann. Das heißt, man erhält beim geklonten Nachkommen eine genaue Kopie des Genotyps des Tieres. Das ist besser als die gewöhnliche Fortpflanzung, da dabei nur die Hälfte der Gene weitergegeben werden können. Die andere Hälfte bei den Nachkommen stammt von einem Tier des anderen Geschlechts. Die Vorteile liegen also darin, die gesamte Erbinformation eines Tieres zu reproduzieren. Es gibt jedoch nur wenige Fälle, von denen ich sagen würde, dass es sich lohnt.

science-guide.eu: Haben Sie ein Beispiel?

Cunningham: In Korea gibt es außergewöhnliche Hunde, die Drogen sehr gut im Flughafen aufspüren können. Und Hunde zu finden, die diese Fähigkeit besitzen und darauf trainiert werden können, ist besonders schwierig. Also wurde der Hund geklont, der weltweit am besten darin ist, Drogen aufzuspüren. Das ist ein Fall, bei dem das Klonen eines Tieres sinnvoll ist.

science-guide.eu: Welche Tiere wurden bis heute, Ende 2008, geklont?

Cunningham: Ungefähr zehn Tierarten wurden geklont, darunter Rinder, Schweine, Schafe und Pferde.

science-guide.eu: Was sind die Nachteile von geklonten Tieren?

Cunningham: Hauptsächlich sind – wie bereits erwähnt – die Kosten zu hoch. Einen weiteren Nachteil gibt es in Bezug auf die Lebensmittelproduktion. Menschen sind sehr empfindlich, wenn es darum geht, woher ihr Essen stammt. Und die Öffentlichkeit mag es nicht, wenn in die Lebensmittelproduktion technologisch eingegriffen wird. Deshalb denke ich, dass es Gegner geben wird, obwohl es keine Beweise dafür gibt, dass ein Lebensmittel aus geklonten Tieren weniger sicher ist als normales Essen.

science-guide.eu: Was halten Sie dann von der Aussage der amerikanischen Behörde für Lebensmittel- und Arzneisicherheit, der Food and Drug Administration, dass sich Fleisch und Milch von geklonten Tieren ebenso gut für den menschlichen Verzehr eignen wie normale Lebensmittel?

Cunningham: Dieser Auffassung bin ich auch.

science-guide.eu: Aber es gibt doch auch Risiken. Es heißt beispielsweise, dass Krebs entstehen kann.

Cunningham: Theoretisch ist das ein Risiko. Ich glaube aber nicht, dass das ernst zu nehmen ist. Ich würde dem nicht zu viel Beachtung schenken.

science-guide.eu: Wie sehen Sie das Thema aus ethischer Sicht? Die European Group on Ethics in Science and New Technology (EGE) ist immerhin der Meinung, dass es keine Argumente für die Nutzung von Lebensmitteln aus geklonten Tieren gibt.

Cunningham: Ich sehe kein ethisches Problem. Wir akzeptieren Gen-Kartoffeln, deshalb sehe ich auch kein Problem bei geklonten Kühen. Natürlich gibt es da einen Unterschied. Das Eine ist eine Pflanze und das Andere ist ein Tier, und bei Tieren sind wir empfindlicher. Aber in Bezug darauf, dass sie ein Teil unserer Nahrungsmittel sind, sehe ich prinzipiell keinen Unterschied.

science-guide.eu: Welche Rolle spielen Wissenschaftler bei der Ausarbeitung von Gesetzen zu geklonten Tiere in der Nahrungsmittelproduktion?

Cunningham: Wissenschaftler sollten darlegen, was der Stand der Wissenschaft ist. Es sollte nicht allein ihre Aufgabe sein, darüber zu urteilen, ob die aktuelle Forschung ökonomisch vorteilhaft oder ethisch vertretbar ist. Das sind Sachverhalte, an denen andere beteiligt sind.

science-guide.eu: Was ist ihre Aufgabe als "Chief Scientific Adviser" hierbei?

Cunningham: Eine unabhängige, gut informierte Quelle zu sein und als Berater zu dienen.

Das Interview führte Sanaz Saleh-Ebrahim.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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Zur Person

Patrick Cunningham ist Professor für Tiergenetik am Trinity College in Dublin und kennt sich aus mit Tieren, die auf dem Essteller gefährlich werden könnten: Nachdem 1996 die BSE-Krise ausgebrauchen war, entwickelt er mit Kollegen eine Datenbank, in der alle britischen Rinder sowie der Nachweis, dass ob sie an BSE erkrankt sind, erfasst werden sollten. Das System, das die Verbraucher darüber informieren sollte, woher ihr Fleisch stammt, wurde dann auch in vielen anderen Ländern eingesetzt. Von seinen mehr als 100 wissenschaftlichen Publikationen schafften es sogar zwei auf das Cover von "Nature".  Seit 2007 ist Cunningham wissenschaftlicher Chef-Berater der irischen Regierung. (sse)

Patrick Cunningham: Tiergenetiker und wissenschaftlicher Chefberater der irischen Regierung © oh


"Klone im Stall? Tierklonierung und Fleischproduktion"
Unter diesem Titel veranstaltete der Deutsche Ethikrat am 21. Oktober 2009 das Forum Bioethik. Audio-Protokolle der Vorträge und anschließenden Diskussionen gibt es  hier.(fba)

Ergänzung der EU-Verordnung über neuartige Lebensmittel
Am 22.06.2009 hat die EU den Weg zum Klon-Fleisch geebnet: Die EU-Agrar- minister einigten sich auf ein Verfahren zur Genehmigung von Klon-Fleisch. Die EU-Lebensmittelbehörde Efsa solle jedes Produkt genau prüfen, bevor die Klon- Koteletts & Co. auf den Markt kommen. Der Gesetzesentwurf muss noch das EU-Parlament passieren. Die wissenschaftlichen Hintergründe erläuterte u.a. die WDR- Wissenschaftssendung " Leonardo". (fba)


Reise nach Ländern:

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Personalisierte Ernährung | GENau abgeschmeckt

© bizior / stock.xchng

Wissenschaftler wollen unsere Ernährung in Zukunft individuell auf die Gene des Einzelnen abstimmen. Nutrigenomik heißt die Disziplin, die den Zusammenhang zwischen Nahrungsbestandteilen, Erbgut und damit zusammenhängenden Krankheiten erforscht. Was ist seriöse Forschung und was ist Geldmacherei am Rande der Legalität? ( zum Text)


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