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12/20/08

Klima und Kunst | Was Bilder über das Wetter von früher erzählen

Von Christine Kirchhoff

Gondeln schaukeln durch die unzähligen Kanäle von Venedig. Kleine Wellen schwappen gegen die Außenmauern der italienischen Villen und Palazzi. Doch die Idylle trügt: Immer öfter wird das Wasser der Lagune für Venedig zum Fluch. Es überflutet die kleinen Gassen, die historischen Piazzas verwandeln sich in Seen und die unteren Stockwerke der Wohnhäuser stehen unter Wasser. Von je her hatte Venedig mit Hochwasser zu kämpfen. Nun befürchten Klimaforscher jedoch, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann die Stadt ganz im Wasser versinkt. Schuld daran: die globale Erwärmung und der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels.

Immer öfter wird das Wasser der Lagune für Venedig zum Fluch - wie hier beim Hochwasser im Jahr 2005. Quelle: Wikimedia Commons


Um Auffälligkeiten zu überprüfen und Gefahren vorauszusehen, hat der italienische Physiker Dario Camuffo vom Institut für Klima und Atmosphärenforschung in Padua die Wasserstände der venezianischen Lagune in früheren Zeiten bestimmt. Seine ungewöhnlichen Klimazeugen: Gemälde aus alten Zeiten, so zum Beispiel die Malereien des italienischen Künstlers Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto.

Canaletto (II): La Regata Vista da Ca' Foscari. c 2nd third of 18th century. Oil on Panel. 121 × 183 cm. Quelle: Wikimedia Commons


Canaletto malte selbst den Algengürtel, den die Wasserpflanzen im 18. Jahrhundert an den Wänden der Häuser hinterlassen hatten, detailgetreu nach. Diese grün-braune Linie dient den Wissenschaftlern heute als Indikator für die mittlere Fluthöhe von damals. Camuffo und seine Kollegen wissen nun: Venedig ist in den vergangenen 250 Jahren fast 80 Zentimeter tiefer in die Lagune gerutscht. Mit solchen Hinweisen auf die venezianischen Wasserstände von damals erhoffen sich Forscher, eine Schutzstrategie für Venedig zu entwickeln (New Scientist, 2001, Nr. 2313, S. 10).

Landschaftsbilder als Forschungsobjekt

Glühende Sonnenuntergänge, rabenschwarze Gewitterwolken und helle Blitze – vor Jahrhunderten auf Leinwand gemalt – spiegeln einen Teil der damaligen Welt wieder. Die dargestellten Szenen zeigen Menschen, Umwelt und Natur und lassen so Rückschlüsse auf das frühere Leben zu. Der Vorteil der italienischen Forscher: Bella Italia galt in Europa schon früh als das Land der Kunst, und viele bekannte Gemälde sind heute in italienischen Museen zu finden.

"Zeichnungen und Gemälde bieten eine neue Möglichkeit, die Wetterverhältnisse von damals zu rekonstruieren", sagt der Klimaforscher Luca Mercalli vom italienischen Institut für Meteorologie "Società Meteorologica Italiana Onlus" in Bussoleno. Als Beispiel hierfür nennt er die kleine Eiszeit ab dem 15. Jahrhundert. "Eisige und lang anhaltende Winter und kühle regenreiche Sommer sind vor allem in niederländischen Winterlandschaften eindrucksvoll festgehalten", so Mercalli. Selbst Italien war zeitweise eingeschneit. Schlittschuh fahren wie hier beim "IJsvermaak (Eisvergnügen)" des Malers Hendrick Avercamp auf den zugefrorenen Kanälen ist in den Niederlanden bei den heutigen Temperaturen nur noch sehr selten möglich. Klimaforscher Mercalli sagt: "Meteorologische Daten und Analysen bestätigen heute, was Bilder schon lange vorher erahnen ließen."

Drei "Klimazeugen" des niederländischen Malers Hendrick Avercamp: oben "Ice skating fun" (c 1630-1634. Oil on panel. 25 × 37.5 cm. Amsterdam, Rijksmuseum Amsterdam, inv.nr. SK-A-3247", mittig "A Scene on the Ice", unten "Winter landscape with iceskaters" (c 1608-1609. Paneel. 77.3 × 131.9 cm. Amsterdam, Rijksmuseum Amsterdam, inv.nr. SK-A-1718). Quelle: Wikimedia Commons


Rote Sonnenuntergänge künden von gewaltigen Vulkanausbrüchen

Das Forscherteam um den griechischen Atmosphärenphysiker Christos Zerefos vom National Observatory in Athen interessiert sich nicht nur für das bloße Betrachten der Szenen. Stattdessen will Zerefos, Mitglied der Akademie Athens, durch eine exakte wissenschaftliche Analyse gemalter Sonnenuntergänge Hinweise auf das damalige Klima erhalten.

Mithilfe eines Computerprogramms werteten die Forscher die Himmelsfarben verschiedener Gemälde aus und analysierten den Rot/Grün-Anteil. Zerefos Vermutung: Je roter die gemalten Sonnenuntergänge, umso höher die Luftdichte von damals. Dies wiederum sollte die Forscher dann auf die Spuren früherer Vulkanausbrüche bringen, bei denen unzählige Aerosole (so nennen die Forscher die Luftpartikel) in die Atmosphäre geschleudert werden ( Atmospheric Chemistry and Physics, 2007, 7, 4027-4042).

Caspar David Friedrich: Two Men by the Sea. c 1817. Canvas. 51 x 66 cm. Nationalgalerie Berlin. Quelle: Wikimedia Commons


Der Clou: Die Dichte der Luftpartikel kann tatsächlich Hinweise auf das Wetter der damaligen Zeit liefern, denn Aerosole beeinflussen tatsächlich das Wetter. "Neben der Wolken- und Niederschlagsbildung ist auch die Temperatur von der Luftpartikeldichte abhängig", so der Klimaforscher Vincenzo Rizi von der Universität Degli Studi dell`Aquila in Italien.

Solche Analysen könnten jedoch nicht nur den Klimaforschern auf die Sprünge helfen – auch Kunsthistoriker könnten Zerefos zufolge in Zukunft möglicherweise profitieren. Denn: Viele große Klimaereignisse, etwa Vulkanausbrüche, sind exakt datiert. Der Rot-Grün-Anteil in den Malereien könnte nach Ansicht des Wissenschaftlers schon in ein paar Jahren weiterer Forschung auf die genauen Entstehungsdaten der Bilder hinweisen.

Fantasiegebilde oder Realität?

Doch sind Gemälde wirklich verlässliche Klimazeugen? Haben Klimaforscher nun den üblichen Wettermodellen abgeschworen und forschen stattdessen lieber im Museum? "Bei der Klimarekonstruktion müssen viele verschiedene Quellen herangezogen werden, denn Malereien verraten nur begrenzt die Realität", so Vincenco Rizi. Auch Mercalli bleibt skeptisch: "Malen Künstler denn immer die Wirklichkeit? Sind subjektive Vorlieben und Fantasie der Maler absolut ausgeschlossen?"

Trotzdem sind auch Mercalli und Rizi überzeugt: Alte Malereien sind nicht nur für Kunsthistoriker interessant. Selbst wenn Oscar Wildes Zitat "It is spectator, and not life, that art really mirrors" (Die Kunst spiegelt in Wahrheit den Betrachter und nicht das Leben“) stimmen sollte: Als Ergänzung zu anderen wissenschaftlichen Untersuchungen, wie zum Beispiel der Analyse von Eisgletschern, sind Malereien zu gebrauchen. Ein Blick über den Tellerrand – und hinein in den Farbtopf - hat noch keinem Wissenschaftler geschadet.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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Wie lässt sich das Wetter von früher rekonstruieren?

Um das Klima früherer Zeiten bestimmen zu können, sind Wissenschaftler auf vielfältige Informationen aus der Vergangenheit angewiesen, denn exakte meteorologische Messreihen gibt es erst seit dem 18. Jahrhundert. Die Natur bietet ein großes Archiv an "Klimazeugen". Bohrkerne aus Gletschern, Baumringe (Dendrochronologie), Pollen- und Sedimentanalysen helfen den Wissenschaftlern unter anderem dabei, dass Wetter von damals zu rekonstruieren. Auch die Aufzeichnungen der Menschen aus jener Zeit, die zum Beispiel die Daten der Ernte notiert haben, sind zur Klimarekonstruktion nützlich.


Glossar

Aerosole:
Aerosole sind kleine Teilchen, die in der Luft schweben. Sie entstehen durch natürliche Vorgänge (z. B. Vulkanausbrüche und Sandstürme) oder durch Menschenhand (Verbrennung von fossilen Brennstoffen wie z. B. Kohle). Befindet sich eine hohe Konzentration an Aerosolen in der Atmosphäre, können die Teilchen das Wetter beeinflussen. Sie verstärken wahrscheinlich unter anderem die Wolkenbildung und verringern die Sonneneinstrahlung.

Rot-Grün-Anteil:
Das Verhältnis der beiden Komplementärfarben Rot und Grün soll in der Studie von Christos Zerefos nähere Hinweise auf das Klima von früher liefern. Die Erklärung dazu ist physikalischer Art: Das grüne und blaue Licht der Sonnenstrahlen wird beim Gang durch die Atmosphäre an winzig kleinen Luftpartikeln (Aerosole, s.o.) gestreut. Diese werden dann diffus in alle möglichen Richtungen zurückgestrahlt. Der rote Anteil des Sonnenlichts hingegen dringt ungehindert hindurch und lässt den Himmel in roter Farbe erscheinen. Je mehr Teilchen in der Luft sind, umso röter erscheint der Himmel. Und weil die Luftdichte (= Anzahl der Aerosole in der Luft) das Wetter beeinflusst, lässt der Rot-Grün-Anteil indirekt auf die Witterungsverhältnisse von damals schließen.

Kleine Eiszeit:
"Kleine Eiszeit" bezeichnet den Zeitraum zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert, in dem extrem kalte Winter und nur kurze feuchte Sommer herrschten. Zeitweise war die Ostsee völlig zugefroren und die Menschen konnten von Deutschland hinüber nach Schweden laufen. Zahlreiche Vulkanausbrüche, bei denen riesige Aschemengen in die Luft geschleudert wurden, führten dazu, dass sich der Himmel verdüsterte. Auch eine geringe Aktivität der Sonne wird als Ursache dieser Kaltzeit angesehen. Die Folge: Die Temperaturen sanken weltweit.


Being creative in a greenhouse: art and global warming
Global warming! In the heated argument on this issue with so many people talking, in the past few years also artists have made their rising voice be heard. Artists-popularisers, aware of their role and of the considerable communication potential of the art medium. Because "One salient image, sculpture or event can speak louder than volumes of scientific data".
Donato Ramani´s Paper in the Journal of Science Communication JCOM 7 (3), 09/2008:  read more


Reise nach Ländern:

Reise nach Themen:

Klimawandel | Gefahr für Olivenhaine und Weinberge

Foto: sst

In Italien ist die globale Erwärmung längst nicht mehr Sache von Politikern und Wissenschaftlern. Bauern und Energiewirtschaft beginnen, sich auf die Folgen einzustellen – mit Hilfe der Klimaforschung. Verdörren die Weinberge? Wo lohnt sich noch ein Wasserkraftwerk? Die Antworten der Forscher werden aber oft ignoriert. ( zum Multimedia-Beitrag)


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