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01/18/09

Einsame Spitze | Frauen in der Forschung

Von Anna Behrend und Inka Reichert

Der Hörsaal ist voll, Studentinnen und Studenten kritzeln kryptische Formeln auf karierte Blätter, die Köpfe rauchen, in rasantem Tempo füllt der grauhaarige Professor die Tafel mit noch mehr mathematischen Zeichen: eine typische Situation für eine naturwissenschaftliche Vorlesung an der Universität. Warum ist es eigentlich so typisch, dass der Dozent an der Tafel fast immer ein Mann ist und Frauen nur im Publikum sitzen?


Nur im Studium ist noch alles im Lot

Zwar beginnen EU-weit fast gleich viele Frauen wie Männer ein Hochschulstudium, jedoch nimmt der Frauenanteil mit jeder Station der wissenschaftlichen Laufbahn weiter ab. Das Problem ist seit langem bekannt – und seit den 90er Jahren werden dazu verstärkt Studien durchgeführt und Berichte veröffentlicht. Unter dem Titel "Mapping the Maze – Getting more Women to the Top in Research" (auf Deutsch etwa: "Das Labyrinth kartieren – Mehr Frauen an die Spitze der Wissenschaft") brachte die Europäische Union (EU) im Jahr 2008 eine Studie heraus, die zeigt, dass Frauen in der Wissenschaft immer noch selten Spitzenpositionen besetzen. Zu dem gleichen Ergebnis kam auch bereits der Bericht „She Figures 2006“ der EU-Kommission. Die Zahlen zeigen außerdem: Es gibt nicht nur weniger Frauen als Männer in der Wissenschaft, sie werden im Durchschnitt auch noch schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Frauen in der deutschen Wirtschaft erhalten im Mittel 22 Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollege in der gleichen beruflichen Position. Im EU-Durchschnitt beträgt der Unterschied 15 Prozent.

Rund 55.000 Forscherinnen mehr

Trotz dieser Ungleichheiten bringen die aktuellen Erhebungen auch eine gute Nachricht: Ganz langsam steigt die Zahl der Frauen in der Forschung, so die Autoren der "She Figures 2006": Der Anteil der Frauen unter den Wissenschaftlern ist von 27 Prozent im Jahr 1999 auf 29 Prozent im Jahr 2003 angestiegen. Von 140.000 neuen Wissenschaftlern in diesem Zeitraum waren fast 55.000 Frauen. Bezogen auf den alten prozentualen Anteil hatten die Frauen damit eine höhere Wachstumsrate (4 Prozent) als die Männer (2 Prozent). Dieser positive Trend ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, denn je nachdem wie der prozentuale Anteil vorher war, hat die Wachstumsrate keinen großen Einfluss. Zur Verdeutlichung: Gäbe es in ganz Deutschland nur eine Wissenschaftlerin und im kommenden Jahr noch eine Zweite, so wäre die Wachstumsrate 100 Prozent.


Eine Frau an der Spitze

"Good News": Unter dieser Rubrik steht ihr Name in dem EU-Bericht "Mapping the Maze" über Wissenschaftlerinnen in Spitzenpositionen. Mit Marja Makarow ist zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der European Science Foundation (ESF), einer 1974 gegründeten Organisation zur Förderung und Vernetzung der Forschung in Europa. Im Interview erzählt die Makarow, sonst Professorin für angewandte Biochemie und Molekularbiologie an der Universität Helsinki, dass auch sie sich der Männerwelt manchmal anpassen muss.

Ein Video-Beitrag von Anna Behrend und Inka Reichert (3:06 min, 31,8 MB)


Interessante Links zum Thema

"She Figures 2006":

Studie der Europäischen Union zur Beschäftigungssituation von Frauen in akademischen Berufen - mit vielen Statistiken und Grafiken.  hier

"Mapping the Maze":

Studie der Europäischen Union zu Berufungsvorgängen, Geldvergabe und Hindernissen, die Frauen in ihrer akademischen Karriere zu überwinden haben: Neben Grafiken und Statistiken gibt es auch analysierende Texte und Länderbeispiele.  hier

Kompetenzzentrum für Frauen in der Wissenschaft:

Aktuelle Informationen zu Studien, Projekten und Gesetzesänderungen zum Thema Gleichberechtigung in der Forschung.  hier


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.






Sonderausgabe von "Research*eu"

"Frauen und Wissenschaft - Der Weg zur Gleichstellung": Unter diesem Titel hat die Europäische Kommission im Frühjahr 2009 eine Sonderausgabe vom "Magazin des Europäischen Forschungsraums" herausgegeben. Die englische Version des gesamten Heftes als PDF finden Sie  hier.

Nachgefragt: Was Forscher über Frauen in der Forschung denken

Ist die Arbeit in einer ausschließlich männlichen Forschungsgruppe erfolgreicher? Wieso haben Männer bessere Karrierechancen in der Wissenschaft? Und wie hoch ist der Anteil an Professorinnen in den Niederlanden? Auf diese und andere Fragen haben Wissenschaftler während der ESOF 2008 geantwortet - die Clips dazu gibt es  hier.

Mit gutem Beispiel voran

Angesichts der beschriebenen Ungleichheit fragt man sich: Wo liegen die Gründe für die Unterschiede und wie lassen sie sich beseitigen? In der "Mapping the Maze"-Studie werden dazu einige Vorschläge präsentiert. So sei es ein Problem, dass die Ungleichbehandlung der Geschlechter in der Wissenschaft oft einfach ignoriert und geleugnet werde. Einen Überblick, wie in verschiedenen Ländern Europas versucht wird, die Chancengleichheit zu verbessern, gibt es   hier.

Fakten über Frauen

Wieviel Prozent verdient eine Physikerin im europäischen Durchschnitt weniger als ein männlicher Kollege in gleicher Position? Und wie sieht der Glas-Ceiling-Index aus? Tabellen und Grafiken zum Thema "Frauen in der Forschung" gibt es  hier.


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