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03/09/11

Forschungsgelder | "Osteuropa muss besser und attraktiver werden"

Forschungsförderung für Exzellenz statt Geizkragen. © mompes / stock.xchng

Im Mai 1989 baute Ungarn als erstes europäisches Land Grenzsicherungsanlagen entlang des sogenannten Eisernen Vorhangs ab. Bald darauf fiel der gesamte Eiserne Vorhang in sich zusammen. Schaut man sich allerdings die Verteilung der Forschungsgelder in Europa an, könnte man meinen, er bestehe nach wie vor. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind unübersehbar: Von den 431 Forschungsstipendien, die der Europäische Forschungsrat (ERC) für das Jahr 2010 bewilligt hat, gingen gerade einmal elf an Forschungseinrichtungen in osteuropäischen Ländern. Wann also fällt der Eiserne Forschungsvorhang?
Der ungarische Biochemiker András Málnási-Csizmadia, dem es als einer von wenigen Forschern 2007 gelungen war, mit seinem Projekt ein ERC-Forschungsstipendium nach Osteuropa zu holen, nennt Gründe für den Forschungsrückstand der osteuropäischen Staaten und schlägt Lösungsansätze vor.

science-guide.eu: Warum gehen so wenige Forschungsstipendien an osteuropäische Institute?
András Málnási-Csizmadia: Das Problem ist, dass es nur eine dünne Forschungselite gibt, die auch tatsächlich im Land bleibt. So kann kaum ein Austausch zwischen in- und ausländischen Forschungsinstituten entstehen. Wer in einer Einrichtung anfängt, der bleibt auch meistens dort. Wer sich doch traut zu wechseln und irgendwann zurückkehren möchte, der findet nur schwer wieder den Anschluss. Wenn man überhaupt von Mobilität sprechen kann, dann ist diese einseitig und beschränkt sich auf das Abwandern von Fachkräften.

science-guide.eu: Wie kann man diese abgewanderten Spitzenforscher ins eigene Land zurückholen?
Málnási-Csizmadia: Das muss man gar nicht unbedingt. Ich glaube nicht an Brain-Gain, also an einen intellektuellen Gewinn durch Zurückholen der abgewanderten Experten (siehe Randspalte). Was wir stattdessen brauchen, ist eine Art "Brain-Circulation", um Europa als exzellenten Forschungsstandort weiter auszubauen und zu verbessern. Das heißt konkret: Der Ungar kann ruhig in einem britischen Labor forschen. Ebenso soll aber auch der Brite den Schritt wagen und ein Labor in Ungarn leiten. Das trägt zur Integration bei. So zirkuliert das Wissen in ganz Europa und wandert nicht auf einer Einbahnstraße von Ost nach West.

science-guide.eu: Wie kann man den Briten aus seinem “Forscherparadies” nach Osteuropa locken?
Málnási-Csizmadia: Um osteuropäische Forschungsstandorte attraktiv zu machen, müssen sich die einzelnen Institutionen innerhalb des jeweiligen Landes sowie in ganz Europa besser miteinander vernetzen. Auch müsste das Budget für Forschung schrittweise von 0,9 Prozent im Jahr 2010 – das entspricht etwa 700 Millionen Euro – auf mindestens 1,5 bis 2,0 Prozent des Bruttoinlandprodukts erhöht werden. Das würde einer relativen Steigerung um 50 bis 100 Prozent bedeuten würde, um den EU-Durchschnitt zu erreichen.

science-guide.eu: Warum investieren die osteuropäischen Regierungen nicht mehr?
Málnási-Csizmadia: Es ist schwer, aus Innovationen unmittelbar Profit zu schlagen. Wenn Regierungen Geld ausgeben, wollen sie Gewinne machen – möglichst viel und möglichst schnell. Politiker lassen sich daher nur schwer überzeugen, ein größeres Budget für Forschung aufzubringen. Das Risiko, dass dabei nichts Brauchbares herauskommt, ist ihnen zu hoch. Ich hoffe aber, dass in dieser Hinsicht allmählich ein Umdenken stattfindet und alle europäischen Regierungen erkennen, dass der Forschungsstandort Europa auf Dauer nur durch enge Vernetzung und aktive Integration Bestand hat.

science-guide.eu: Der ERC betont, dass wissenschaftliche "Exzellenz" das einzige Kriterium für die Vergabe von Forschungsstipendien sei. Stimmt das, oder werden osteuropäische Forscher möglicherweise benachteiligt? (siehe Randspalte)
Málnási-Csizmadia: Ich glaube nicht, dass es Vorurteile gegenüber osteuropäischen Instituten gibt, sondern dass es tatsächlich noch vielerorts an der erforderlichen Exzellenz mangelt. Das liegt nicht nur daran, dass die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Ungarn deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegen. Zusätzlich gibt es in Ungarn ein strukturelles Problem im Wissenschaftsmanagement: Die landesinterne Auswahl zur Förderung exzellenter Standorte und Einrichtungen ist nicht transparent genug. Sie wird von alten, nicht mehr zeitgemäßen Konventionen und etablierten Netzwerken bestimmt. Deshalb müssten meiner Meinung nach internationale Instanzen geschaffen werden, die von außen gezielt den Aufbau exzellenter Forschung vorantreiben und finanziell fördern. Die Europäische Molekularbiologie-Organisation, kurz  EMBO, hat auf eine sehr professionelle Weise versucht, solche Prozesse zu initiieren, und das mit einem relativ geringen Budget. Ich denke, in den Lebenswissenschaften könnten 50 Millionen Euro jährlich, die dazu dienen, eine Art Exzellenzschema in Ungarn umzusetzen, echte Veränderungen bringen und den Innovationsprozess deutlich vorantreiben.

Die Fragen stellte Thomas Wagner-Nagy.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2010.







Zur Person

Andras Malnasi-Csizmadia © privat

András Málnási-Csizmadia ist Biochemiker an der Loránd-Eötvös-Universität Budapest. Er erforscht die Reaktion von Enzymen auf mechanische Belastungen. Letzteren ist bei der Beschreibung enzymatischer Prozesse bislang wenig Bedeutung beigemessen worden, da sich die Forschung auf die atomare und chemische Ebene der Reaktionen konzentriert hat. Málnási-Csizmadia möchte mit Hilfe neuer experimenteller Ansätze die Antwortmechanismen von Enzymen auf verschiedene mechanische Einflüsse wie Druck vermessen und abbilden. Auf diese Weise sollen Enzymreaktionen besser verstanden und leichter kontrollierbar werden. Mit seinem Projekt wurde er 2007 in das starting grants-Programm des Europäischen Forschungsrates mit einer Fördersumme von 750.000 Euro aufgenommen. (twn)


Brain Drain

Der Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt "Gehirn-Abfluss". Gemeint ist die Abwanderung der Intelligenz eines Volkes. Durch Auswanderung besonders ausgebildeter und talentierter Menschen aus einem Land entstehen diesem volkswirtschaftliche Verluste. Besonders davon betroffen sind Länder, die nicht die nötigen Mittel haben, um ihre Experten im Land zu halten. (twn)

Brain Gain

Der englische Begriff bedeutet wörtlich übersetzt "Gehirn-Gewinn". Damit gemeint ist, dass es für ein Land von Vorteil sein kann, wenn Fachkräfte und Akademiker vorübergehend ins Ausland gehen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn die Auswanderer stetig im Ausland verdientes Geld an Familien-angehörige in der Heimat überweisen oder wenn er nach erfolgreicher Aus-
bildung im Ausland in das Heimat-
land zurückkehrt und dort das neue Know-how gut nutzt. (twn)

Brain Circulation

Der Begriff bringt Brain Drain und Brain Gain in einen ganzheitlichen Kontext. Demnach zirkuliert das Wissen in einer vernetzten Welt, wodurch auch Länder, deren Experten abwandern, zu einem späteren Zeitpunkt wegen der Expertise ihrer Fachkräfte volkswirtschaftliche Gewinne machen können. Das Konzept bezieht sich neben den rein wirtschaftlichen Erfolgen auch auf immaterielle Werte wie soziale Kontakte, die im Ausland beschäftigte Mitarbeiter knüpfen. (twn)


ERC Starting Grant Competition

Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, kurz ERC) vergibt jährlich hoch dotierte Forschungsstipendien. Statistische Auswertungen belegen: Die Erfolgsrate der osteuropäischen Staaten ist im Schnitt sogar höher als die der etablierten Forschungsnationen. Jedoch werden aus Osteuropa insgesamt nur wenige Anträge eingereicht. So gingen im Jahr 2007 von 559 vergebenen Forschungsstipendien lediglich 21 an osteuropäische Forschungseinrichtungen.

Eine Präsentation der Auswertung von 2007 gibt es  hier.

Eine Liste mit den Stipendiaten von 2010 gibt es  hier


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Leere Labore | Nachwuchssorgen der Forschung

Das 21. Jahrhundert, in einer Zeit in der das Klonen möglich ist, Touristen ins All geschickt werden und der Urknall plausibel erklärt werden kann, scheint es, als hätte die Welt mehr Wissenschaftler als jemals zuvor. Vor allem sieht es so aus, als würde der Nachschub an Forschern nicht versiegen. Doch der Schein trügt: Europa braucht mehr junge Wissenschaftler! Doch es gibt einen guten Grund, warum Hochschulabsolventen keine wissenschaftliche Karriere anstreben. ( Zum Europa-Spezial)


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