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Die Reportage vom Euroscience Open Forum 2006 in München, häppchenweise:
Reporter Christian Keller testet sein Organ. Welches? Hören Sie selbst ...


Hauptsache laut

Wer um Hilfe schreit, erreicht möglicherweise genau das Gegenteil. Und lockt statt einem Helfer gleich noch einen Feind an. Doch selbst das birgt offenbar Fluchtchancen - vermuten Wissenschaftler jedenfalls.

Von Sophie Stigler


Ein Wald irgendwo tief in den Ostkarpaten, Rumänien, 2004. Beim Pilzesammeln wird ein Rentner von einem Braunbären angefallen. Seine Schreie alarmieren einige Picknicker in der Nähe. Als sie dem Rentner zu Hilfe eilen, wissen sie nicht, was sie auf der nahen Lichtung erwartet. Der Bär verletzt sechs von ihnen und tötet den Rentner. Anschließend greift er den ankommenden Krankenwagen an, bevor er im Dickicht verschwindet.


Zufallsprodukt oder überlebenswichtig?

Für den Rentner hat diese Geschichte einen denkbar ungünstigen Ausgang. Sein Schreien hat nicht nur ihm nichts genützt, sondern auch noch mehrere andere Menschen in Lebensgefahr gebracht. Wozu dann die Mühe? Ist Schreien in einer lebensbedrohlichen Situation überhaupt sinnvoll? Nein, sagt eine These in der Verhaltensforschung. “Es gibt nur einzelne Beobachtungen, aber keine Beweise, dass ein Beutetier direkte Vorteile von Alarmsignalen hat, wenn es angegriffen wird“, schrieb der bekannte amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond von der University of California vor zehn Jahren. Aus dieser Forschungslücke schloss Jared Diamond, dass der Schrei des Opfers „gar kein Alarmsignal ist, sondern keine Funktion erfüllt und nur ein Nebenprodukt des Versuchs ist, zu entkommen“. Doch schon damals gab es Versuche, die das Gegenteil beweisen. Gleich vier verschiedene Arten von Schreien sollen demnach einem bedrohten Tier - oder Menschen - das Überleben sichern.

Eine davon ist recht offensichtlich: der Schrei um Hilfe. In der Tierwelt ist er meistens an die Eltern oder nahen Verwandten gerichtet. Für ihre Familie begeben die sich mitunter sogar selbst in Lebensgefahr und stellen sich einem Feind entgegen, der ihnen weit überlegen ist. Nicht selten beschließt der dann, dass ihm das Ganze den Aufwand nicht wert ist und trollt sich.


Da steckt mehr dahinter: der Warnschrei

Ähnlich verhält es sich mit Schrei Nr. 2: dem Warnschrei. Wie Schrei Nr. 1 sichert er den Fortbestand der Gene der Familie. Ein Warnschrei gibt nahen Verwandten die Möglichkeit, sich rechtzeitig zu verstecken oder sich aus dem Staub zu machen. Die grünen Meerkatzen - eine afrikanische Affenart - haben dafür ein ausgeklügeltes System entwickelt. “Sie benutzen verschiedene Warnrufe wie Worte”, sagt Marc Naguib, Leiter der Arbeitsgruppe Tierkommunikation und Verhaltensökologie an der Universität Bielefeld. Bis vor rund 20 Jahren waren Forscher der Meinung, Tiere könnten lediglich die Absicht, etwas zu tun, oder ihre Stimmung ausdrücken, nicht aber ihren Artgenossen bewusst Informationen über ihre Umwelt mitteilen.

Doch genau diese Fähigkeit hat die Evolution bei grünen Meerkatzen offenbar gefördert. Als Affen, die halb am Boden, halb in Bäumen leben, haben sie unten wie oben diverse Feinde und dementsprechende Fluchtstrategien. Deshalb haben sie verschiedene Warnrufe für ihre Hauptfeinde Leopard, Kampfadler oder Python entwickelt. Je nach Warnruf flüchten die Meerkatzen in die Bäume, wo sie einem Leoparden besser begegnen können, in die Büsche, wo sie sicher vor Raubvögeln sind, oder nirgendwohin, falls eine Schlange gesichtet wurde.


Akustische Belästigung

In diesem Fall kommt Schrei Nr. 3 zum Einsatz: der Mobbing-Schrei. Einer Schlange fühlen sich die Meerkatzen offensichtlich gewachsen. Deshalb versammeln sich nach einem Schrei bald einige Affen um die enttarnte Schlange und kreisen sie mit hocherhobenem Schwanz und lautem Gekreische ein. Bis sich die Schlange eines Besseren besinnt und das Weite sucht.

Das Mobbing funktioniert umso besser, je mehr das bedrohte Tier in Sachen Krallen, Klauen oder Schnabel zu bieten hat. Aber auch ein unangenehmes Gezeter kann oft genügen, um den Angreifer zu vertreiben oder seine Konzentration so zu stören, dass das Beutetier flüchten kann. Viele Angreifer haben schon dann genug, wenn sie schlicht erkannt wurden. “Die meisten Tiere jagen mithilfe eines Überraschungseffekts”, sagt Naguib. “Sobald sie entdeckt wurden, geben sie die Jagd auf.” Auch Vögel betreiben das Mobbing gerne und häufig, sagt er. “Wenn eine Elster im Wald dabei erwischt wird, wie sie ein Nest ausrauben will, ist da die Hölle los. Die wird von den Singvögeln richtig verfolgt.” Zu diesem unmittelbaren kommt ein nachhaltiger Vorteil: Hat ein Räuber mehrfach keinen Erfolg in einem Jagdgebiet, kommt er wahrscheinlich so bald nicht wieder.

Doch Warn- und Mobbingschreie haben ihren Preis. Der Beobachter macht auf sich aufmerksam. Je lauter und länger sein Gezeter, desto leichter ist es für Feinde, ihre Beute - vorher womöglich gut im Blätterdickicht getarnt - ausfindig zu machen. Doch auch hier haben sich verschiedene Strategien bewährt. Warnrufe von Meisen etwa besitzen eine Tonhöhe, die die meisten Greifvögel nicht wahrnehmen können und die in weiter Entfernung kaum hörbar ist.

Auch Warnschreie von Meerkatzen sind eher einmalige sanfte Triller in einem Frequenzbereich, mit dem sie sich nahtlos in die Hintergrundgeräusche des Dschungels einfügen. Ganz im Gegensatz zu den Mobbing-Schreien der Meerkatzen. Die können nicht laut genug sein. Schließlich sollen sie viele Artgenossen herbeirufen und dabei so nervtötend wie möglich sein.

Es gibt also viele Gründe, warum Schreien Leben retten könnte. Doch: “Es gibt wenige Versuche, die explizit zeigen, dass ein Tier tatsächlich nicht gefressen wird”, gibt Naguib zu. Schließlich sei kein Biologe daran interessiert, reihenweise Affen umzubringen, um die Erfolgsrate ihrer Überlebensstrategien zu testen.


Schreie unter Wasser

Bei Fischen wie etwa Gold-Elritzen hat man da weniger Skrupel. An den kleinen Goldfisch-ähnlichen Fischen wurde der Erfolg von Schrei Nr. 4 getestet: Dazu bestückten Biologen von der University of Saskatchewan in Kanada Aquarien mit jeweils einer Elritze - dem Beutetier - und einem Hecht - dem Jäger. Zu der Hälfte der Hechte wurde ein Konkurrent ins Aquarium gelassen, sobald sie den kleineren Fisch im Maul hatte. Anschließend beobachteten die Forscher, ob sich das Beutetier befreien konnte und, falls nicht, wie lange es dauerte, bis es aufgefressen war. Ein Großteil der Konkurrenzhechte stürzte sich in den Kampf um die Beute und biss seine Gegner oder machte ihnen die Beute anders streitig - für die Elritzen eine ideale Fluchtmöglichkeit. Angelockt hatten sie den zweiten Hecht selbst: mit einem chemischen Schrei.

Glücklich ist, wer gleich von zwei Fressfeinden verfolgt wird. Für gesteigerte Aufmerksamkeit sorgen unter Wasser keine akustischen Schreie, sondern chemische. (c) pixelio.de


Dafür sondern die Fische Pheromone ab, chemische Substanzen, die sich im Wasser verbreiten und von anderen Fischen erkannt werden können. Ist eine Elritze verletzt, gibt sie ebensolche Pheromone ab, die ihren Feind anlocken. So gesellt sich zum ersten gerne ein zweiter Hecht, der den ersten ablenken oder ihm womöglich die Beute streitig machen kann. Überlebt die Elritze durch dieses Manöver trotz der Verletzung, flüchtet sie sich ins Algendickicht und stoppt die Pheromon-Abgabe.

So konnten im Experiment mehr Elritzen ihrem Jäger entkommen, wenn ein Konkurrenzhecht zugegen war, oder Hecht Nr. 1 brauchte zumindest deutlich länger, um den Fisch zu verspeisen. Die Strategie der Elritzen, mit ihrem Duft Feinde anzulocken, verbessert also ihre Fluchtchancen. Geholfen hat sie den Versuchstieren leider nichts; in den Aquarien kamen sie nicht weit und wurden doch gefressen - nur etwas später.


Und jetzt?

Was lernen wir daraus? Wenn uns gerade ein Bär am Bein packt, ist es vielleicht doch sinnvoll, lauthals zu schreien. Vielleicht kommt ein zweiter Bär, der den ersten angreift, es eilt uns jemand zu Hilfe, wir können unsere Familie warnen. Oder wir gehen dem Bären so auf die Nerven, dass der keine Lust mehr auf Menschenfleisch hat. Anschließend hoffen wir, dass wir etwas mehr Glück haben als der rumänische Rentner.


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2006.


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Abseits von trockenen Theorien.
Begleiten Sie unseren Reporter Christian Keller über den größten europäischen Wissenschaftskongress, das Euroscience Open Forum, 2006 in München. Das Reportage-Häppchen zum Thema Schreien finden Sie links als Video.


Meerkatzen on air
Lauschen Sie den Warnschreien der Affen - für die Konfrontation mit Leoparden (oben), Adlern (mittig) und Schlangen (unten).


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