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03/22/09

Collegium Budapest | Wissenschaftlicher Austausch in Osteuropa

Das "Princeton des Ostens": Das Collegium Budapest ist das erste Institute for Advanced Study in Mittel-Ost-Europa. © Annamária Jász

Von Annamária Jász,
Erasmus-Studentin aus Ungarn

Erster Oktober: Das akademische Jahr im Collegium Budapest fängt an. Mehr als 30 Wissenschaftler verschiedener Nationalitäten – aus Bulgarien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Rumänien, der Schweiz, der Tschechischen Republik, den USA und natürlich Ungarn – beginnen neue Forschungsprojekte im schönen alten Gebäude des Collegiums. Es befindet sich oben im alten Burgviertel von Budapest, das zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Hier kann jeder Forscher sich in Ruhe auf die eigenen Forschungsthemen konzentrieren, ohne Probleme mit der Bürokratie und der Verwaltung und ohne Lehrverpflichtungen an einer Universität.

Seit 1992 besteht für ausländische – und ungarische – Forscher die Möglichkeit, ein Stipendium für ein halbes oder einen ganzes Jahr im Collegium Budapest zu erhalten. Die Forscher haben für ihre Arbeiten anerkannte ungarische Wissenschaftler als wissenschaftliche Betreuer zur Seite. Zu diesen sogenannten Permanent Fellows zählen etwa Gábor Klaniczay, Imre Kondor, János Kornai und Eörs Szathmáry. Im Collegium selbst gibt es keine offizielle Sprache – beim täglichen gemeinsamen Mittagessen wird abwechselnd Englisch, Deutsch und Französisch gesprochen.

Budapest: Ungarische Hauptstadt mit intellektueller Tradition

Das Collegium ist ein "Institute for Advanced Study", ein Modell, das überall in der Welt bekannt ist (siehe Info-Kasten rechts). In der optimistischen Stimmung nach der Wende wollten die Leiter des Berliner Wissenschaftskollegs, Wolf Lepenies und Joachim Neppelbeck, in Budapest ein solches Institute for Advanced Study in der ehemals sozialistischen Region aufbauen. Und so wurde das Collegium Budapest im Jahr 1991 nach dem Beispiel des Wissenschaftskollegs in Berlin mit staatlicher und privater Unterstützung gegründet – als erstes Institut dieser Art in Mittel-Ost-Europa. Die Gründerorganisationen (Stiftungen aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Schweden und der Schweiz) hielten die große ungarische Hauptstadt mit ihrer jahrhundertelangen intellektuellen Tradition für den angemessen Standort.

Im Gegensatz zu vielen stärker spezialisierten Institutes for Advanced Study bietet das Collegium Budapest Forschungsmöglichkeiten sowohl im Bereich der Humanwissenschaften als auch in den Naturwissenschaften. Mit dem primären Ziel, die mit der Region verbundenen Forschungen in einen breiten internationalen Kontext zu stellen und zu unterstützen, sind seine Schwerpunkte: Ökonomie, Geschichte und Humanwissenschaften, Vergleichende Sozialwissenschaft, theoretische Biologie und Physik sowie Forschungsarbeiten zur postsozialistischen Transformation. Hier forschen nicht nur berühmte Professoren und Wissenschaftler (die "Permanent Fellows"): Auch jene, die gerade ihre Doktorarbeit beendet haben, können im Institut als "Junior Fellows" ein halbes oder ein ganzes Jahr forschen. Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, dass Wissenschaftler nicht als individuelle Stipendiaten, sondern als Teilnehmer einer Forschergruppe einige Monate lang ein bestimmtes Forschungsthema bearbeiten. In jedem Fall gibt es eine enge Kooperation zwischen den Forschern des Collegiums und den Vertretern des ungarischen wissenschaftlichen Lebens, Professoren, Universitäten und Instituten.

"Im Vergleich zu anderen Advanced Study Institutes in der Region Mittel-Ost-Europa ist das Collegium Budapest einzigartig", sagt Gábor Klaniczay, Historiker und Rektor des Collegiums. "Das Institut für Höhere Studien in Wien zum Beispiel beschäftigt sich meistens mit Konferenzen und Öffentlichkeit, es gibt weniger Fellows. Das New Europe College in Bukarest ist relativ neu, und bietet die Möglichkeit eines Stipendiums vor allem für rumänische Wissenschaftler. Im Collegium Budapest gibt es viele verschiedene Wissenschaftler aus allen Teilen der Welt, aus jedem wissenschaftlichen Bereich. Jedes Jahr formt sich eine außergewöhnliche Gesellschaft von verschiedenen Nationalitäten und Wissenschaftsbereichen, und der Erfahrungsaustausch ist sehr bemerkenswert", so Collegium-Rektor Klaniczay.

Der Blick über den Tellerrand - nicht nur beim gemeinsamen Mittag

Libora Oates-Indruchová arbeitete als tschechische Professorin an der Fakultät für Soziologie der Masaryk Universität (Brno) und kam 1996 zum ersten Mal nach Ungarn. Sie war Studentin an der Central European University in Budapest, dann ein Jahr lang Junior Fellow im Collegium Budapest. Mittlerweile forscht sie als Marie-Curie-Fellow zum Thema "Academic Censorship under State Socialism: Czech Republic and Hungary". Zuvor arbeitete sie am Edinburgh Institute for Advanced Study und nennt den Kontakt zwischen den Forschern und Disziplinen als den auffälligsten Unterschied zwischen den beiden Instituten.

"In Edinburgh hatte jeder ein eigenes Büro und hat sich nur einmal pro Woche beim Mittagessen mit den anderen getroffen", erzählt die Tschechin. "Im Collegium Budapest hat auch jeder einen eigenen Platz für die Arbeit, aber jeden Tag muss man am gemeinsamen Mittagessen teilnehmen und mit den anderen kommunizieren. Außerdem haben wir jede Woche ein Seminar, wo einer von uns über sein Forschungsthema spricht. Ein Soziologe muss also dem Vortrag eines Biologen zuhören. Mich überrascht diese Interdisziplinarität! Das habe ich noch nirgendwo erfahren."

Clara Rover, eine französische Literaturwissenschaftlerin von der Pariser Elite-Universität Sorbonne, forscht als Junior Fellow über ungarische Literatur und ist derselben Meinung wie Libora Oates-Indruchová. Rover kann einem Vortrag über das menschliche Gehirn nichts hinzufügen, aber sie findet es sehr interessant, wie ein Diskurs bei solchen intellektuellen Treffen entsteht. Sie hat mit der Arbeit im Oktober 2008 angefangen, kann wenige Tage noch nicht besonders viele Eindrücke schildern. Bemerkenswert findet sie aber bereits, wie das Collegium die Fellows in das kulturelle und wissenschaftliche Leben von Budapest integriert. "Ich bekomme zu allen Ereignissen einen Brief von der Sekretärin, das ist sehr wichtig", sagt sie. Zu Studienzeiten hatte sie in Budapest ein paar Monate als Stipendiatin im Eötvös Collegium verbracht. Damals musste sie zu allen Konferenzen und Vorträgen selbst Informationen sammeln.

"Wir bieten für sie alles, was zur ruhigen Arbeit nötig ist", sagt Éva Gönczi, Sekretärin und Programmdirektorin. "So achten wir darauf, dass die Fellows sich nicht um administrative Angelegenheiten zu kümmern brauchen." Am Collegium Budapest gibt es auch kaum Sprachbarrieren, wie sie die Tschechin Libora Oates-Indruchová bereits zuvor in Ungarn erlebt hatte. „Ich habe meine Habilitation an der Universität Szeged gemacht” erzählt sie. Die Universität von Szeged, im Süden Ungarns, ist eine der größten Hochschulen des Landes. "Meiner Meinung nach ist die Universität Szeged die beste Universität in Mitteleuropa! Aber als Ausländerin hatte ich dort sehr viele Probleme, besonders sprachliche. An der Englischen Fakultät konnte zum Beispiel die Sekretärin kein Englisch, und deswegen hatte ich Riesenprobleme, als ich mein Büro tauschen wollte."

Doch worauf ist Collegium-Rektor Klaniczay am meisten stolz? „In einem sehr kurzen Zeitraum konnten wir ein breites Beziehungssystem in der internationalen Wissenschaftswelt schaffen", so Klaniczay. "Diejenigen, die hierherkommen, können viele Beziehungen mit anderen Forschern aufbauen – viele Monate stehen ihnen dafür zur Verfügung."


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2008.


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"Ein Princeton des Ostens"

"Das Collegium ist längst zu einem Scharnier für den wissenschaftlichen Austausch geworden. Forscher aus dem Westen kommen, weil Budapest noch westlich genug, Forscher aus dem Osten kommen, weil es noch östlich genug ist. Darin ist das Collegium einzigartig. Ein internationaler Knotenpunkt des wissenschaftlichen Dialogs wurde hier seit 1992 aus dem Nichts aufgebaut."
(Tim B. Müller, "Ein Princeton des Ostens", Süddeutsche Zeitung, 22.06.2004)


© Annamária Jász

"Jedes Jahr formt sich eine außergewöhnliche Gesellschaft von verschiedenen Nationalitäten."
(Prof. Klaniczay Gábor, Rektor des Collegiums)


© Annamária Jász

"Mich überrascht diese Interdisziplinarität! Das habe ich noch nirgendwo erfahren."
(Libora Oates-Indruchová, tschechische Stipendiatin am Collegium)


Institutes for Advanced Study

Ein Institute for Advanced Study ist ein Institutsmodell, das das erste Mal in Princeton gegründet wurde, um die von Deutschland zur Nazizeit ins Ausland emigrierten Forscher wie Albert Einstein, Kurt Gödel und John von Neumann zu empfangen. Der Direktor war viele Jahre lang Robert Oppenheimer, jener US-amerikanische theoretische Physiker mit deutschen Wurzeln, der als der "Vater der Atombombe" gilt. In den 60er und 70er Jahren folgten in den USA und Europa andere Institute dem Vorbild aus Princeton, zum Beispiel Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences ( NIAS), Swedish Collegium for Advanced Study in the Social Sciences ( SCASS), Institute for Advanced Study in the Humanities in Edinburgh ( IASH). Das Wissenschaftskolleg Berlin existiert seit 1980. Das primäre Ziel eines Institute for Advanced Study ist, herausragenden Forschern und Wissenschaftlern aus allen Fächern mit einem Stipendium für ein halbes oder für ein ganzes Jahr die Möglichkeit anzubieten, ein bestimmtes Forschungsthema zu bearbeiten und die neuen Ergebnisse in den internationalen Wissenschaftskreislauf einzuführen. (amj)


Mehr Infos zum Collegium

Alle Informationen über die Stipendien, Forschungsgruppen und einzelne Forscher am Institute for Advanced Study in Budapest gibt es auf der Homepage des Collegiums Budapest.  hier


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