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Anti Aging | Wenn der Körper dem Alter trotzt

Von Kerstin Artz

Mit 90 Jahren schien das Leben für  Johanna Norget vorbei zu sein: Nach einem Schlaganfall gaben die Ärzte ihr keine Chance mehr auf Besserung. Johanna Norgets linke Körperhälfte war gelähmt, sie konnte kaum noch essen, geschweige denn sprechen oder laufen. Aus medizinischer Sicht schien es nicht mehr möglich, etwas für Johanna Norget zu tun. Die Ärzte sagten, eine Reha sei zu teuer und lohne in Anbetracht ihres Alters nicht. Das war 1997
Zehn Jahre später: Johanna Norget sitzt in einem Stuhl auf dem Flur des Marienheims in Essen Überruhr. Neben ihr steht eine Gehhilfe. Sie holt gerade ihr Hörgerät aus dem Etui und legt es an ihr Ohr: „Sonst verstehe ich Sie so schlecht“, erklärt sie.

Verstehen kann man nach den Prognosen der Ärzte von damals wohl kaum, wie es möglich ist, dass Johanna Norget am 17. Februar 2006 ihren 100. Geburtstag gefeiert hat. Die schreckliche Zeit nach dem  Schlaganfall ist nur noch Erinnerung. „Meine Tochter hat mich einfach wieder aufgebaut“, erzählt Johanna. Tochter Marie-Louise und deren Ehemann nahmen die Mutter bei sich zu Hause auf. „Marie-Louise hat mir da die Strenge zurückgegeben, die ich ihr als Kind früher gab“, sagt Johanna. „Ich erinnere mich, dass sie immer kam und sagte: ‚17 Mal kauen.’ Damit mein Kiefer in Bewegung blieb.“ So wurde Johanna von ihrer Familie wieder auf die Beine gebracht - im wahrsten Sinne des Wortes.

Um auch im Alter noch gesund zu bleiben, ist für  Osborne Almeida gerade die Unterstützung der Familie ein wichtiger Faktor. Der Engländer ist Leiter der Arbeitsgruppe Neuroadaption am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und erklärt: „Die älteren Menschen müssen immer in die Familie integriert werden. So werden sie gefordert und gefördert.“ Dies gilt sowohl im ganz normalen Alterungsprozess als auch bei besonders schweren Krankheiten wie einem Schlaganfall.

Jungbrunnen verzweifelt gesucht: Ein Leben ohne Stress könnte das Altern merklich verlangsamen. Zeichnung: Heike Becker

Doch bevor man verstehen kann, wie Johanna Norgets Körper es geschafft haben könnte, sich vom Schlaganfall zu erholen, muss klar sein: Der Körper altert auf vielfältige Weise, und eine einheitliche Theorie gibt es bisher nicht. So können Ärzte auch nie voraussehen, wie ein einzelner Mensch altert, wie er auf Krankheiten reagiert und wie lange er noch leben wird. Doch Wissenschaftler haben eine Reihe von Theorien entwickelt, um den Alterungsprozess zu erklären.
Auffrischungskur mit Vitamin C - oder Gelassenheit als Jungbrunnen

Eine weit verbreitete Theorie ist die der  freien Radikale. „Diese Stoffe entstehen, wenn zum Beispiel Fette verbrannt werden“, sagt Osborne Almeida. „Das Problem ist: Sie sind extrem toxisch für die Zellen. Zwar hat der Körper Methoden entwickelt, sich zu entgiften, wenn aber eine zu große Menge dieser Toxine angehäuft wird, greifen diese Mechanismen nicht mehr. Auf diese Weise sterben Zellen ab und der Körper altert. Um diesem Stoffwechselproblem entgegenzuwirken, hilft beispielsweise Vitamin C, da es die freien Radikale einfängt und damit unschädlich macht.“
Ob Johanna Norget während der Zeit nach dem Schlaganfall besonders viel Vitamin C zu sich genommen hat, weiß sie nicht mehr. Bei ihr könnte eine ganz andere Theorie erklären, warum sich ihr Körper von den Strapazen erholt hat. Im Mittelpunkt dieser Theorie steht, wie alte Menschen mit Stress umgehen. Wenn der Körper einer Gefahr ausgesetzt ist, lösen die sogenannten Stresshormone eine Stressreaktion aus. Zu diesen Hormonen gehören das bekannte Adrenalin und die Gruppe der Glukokortikoide. Zusammen steuern sie die Reaktionen des Körpers auf Alarmsituationen. Sieht ein Mensch eine Gefahr - beispielsweise einen kläffenden Hund auf sich zurasen - schüttet der Körper zuerst Adrenalin aus. Es bereitet den Körper darauf vor, auf die Gefahr zu reagieren.

Die dann ausgeschütteten Glukokortikoide sind das Signal zum Wegrennen. Sie steuern aber gleichzeitig auch das Stoppen und den Stressabbau, wenn die Gefahr vorüber ist. Werden zu viele Glukokortikoide ausgeschüttet, dauert der Stress sehr viel länger und wird langsamer verarbeitet. „Eine solche Überreaktion kann genetisch bedingt sein, also etwa durch Genmutationen hervorgerufen werden, oder auf schlechte Erfahrungen zurückgehen“, sagt Osborn Almeida. „Diese gestörte Stressverarbeitung kann das Immunsystem oder das Gehirn schädigen. Überschüssiger Stress lässt einen Körper damit auch altern.“ Doch dabei bremst sich der Köper gewissermaßen selbst: Denn je älter man wird, desto besser kann man Stress bewältigen. „Das liegt daran, dass alte Menschen einen viel größeren Erfahrungsschatz haben und gelassener mit gewissen Situationen umgehen können“, erklärt Almeida. Und die bessere Stressbewältigung kann auch bei schweren Krankheiten - wie etwa dem Schlaganfall von Johanna Norget - einen entscheidenden Einfluss haben.

Auch bei ihr erkennt man die Gelassenheit des Alters: Mit wachen, grau-blauen Augen sitzt sie ruhig auf dem Stuhl und antwortet geduldig auf die Fragen. Das Altern an sich scheint sie nicht so sehr zu stören. Selbst typische Alterserscheinungen wie ein verschlechtertes Hörvermögen machen ihr keine Sorgen. „Dafür gibt es doch Hörgeräte“, sagt sie. Und trotzdem merkt sie an einer recht einfachen Gegebenheit, dass sie älter wird: „Ich werde immer kleiner und mein Körper ist so gedrungen. Dabei versuche ich schon immer, aufrechte zu laufen.“ Während Johanna Norget das sagt, zieht ein Schmunzeln über ihr Gesicht. Sie sieht glücklich aus. Und das kann sie auch sein, denn sie gehört zu den Menschen, die im Alter geistig vital sind. Sie erzählt von ihrer Jugend, als sie geplant hatte, Lehrerin zu werden. Geklappt hat das nicht, da der Erste Weltkrieg ausbrach. Später hat sie einen Lehrer geheiratet.

Doch so viel Glück wie Johanna haben nicht alle älteren Menschen. Viele leiden unter starker Degeneration des Gehirns. Der Neurologe  Gereon Fink vom Forschungszentrum Jülich stellt klar: „Die meisten Organe im Körper können sich erneuern. Nehmen wir die Haut, hier beobachtet man einen normalen Vorgang des Alterns: Die Hautzellen sterben ab und regenerieren sich wieder - allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt, der von Person zu Person variiert. Und doch gibt es eine Ausnahme: das Gehirn.“

Viele Mediziner gehen davon aus, dass das Gehirn sich nicht regenerieren, also keine absterbenden oder abgestorbenen Zellen durch neue ersetzen kann. Wenn aufgrund von Alterungsprozessen oder Krankheiten ein Teil des Gehirns ausfällt, so versucht der Rest, diese Funktionen zu übernehmen. Doch auch hier ist irgendwann eine Grenze erreicht. „Besonders bei Alzheimerpatienten kann das Gehirn das nicht ausgleichen“, erklärt Fink. „Die Krankheit schreitet immer weiter voran und das Gehirn packt das nicht.“ Im Gehirn von Alzheimer-Patienten lagern sich sogenannte Amyloid-Plaques an Nervenfasern ab und bilden Klumpen. So werden die Nerven geschädigt und es treten Funktionsstörungen auf.

Ständig im Tunnelblick: Mit dem Alter verkleinert sich das Sichtfeld. Was dann noch zu sehen ist, wird unschärfer. Vor allem nachts. Zeichnung: Heike Becker

Alzheimer ist nun eine der gravierenden Krankheiten, die das Gehirn befallen. Aber auch schon leichtere Veränderungen wie Konzentrationsschwächen und Vergesslichkeit treten im Alter auf und beeinflussen das Leben negativ.

Auch bei Johanna Norget macht sich das Altern vor allem im Gehirn bemerkbar: Sie hat das Gefühl, vergesslicher zu sein als früher. Doch nur, wenn es sich um gerade eben Geschehenes handelt. Offenbar ist ihr Kurzzeitgedächtnis schlechter geworden. Dieses Problem kennen viele ältere Menschen; und Wissenschaftler untersuchen, wie man dieser Vergesslichkeit entgegenwirken kann. Gereon Fink erzählt von seiner Forschung: „Wir untersuchen eine Substanz namens  Dopa. Die ermöglicht die Kontrolle von Handlungen und Impulsen und hat Einfluss auf die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses. Beim Experiment bekamen gesunde und kranke Probanden Dopa verabreicht. Danach wurde die Gehirntätigkeit im Kernspintomographen beobachtet, während sie Kurzzeitgedächtnisaufgaben lösen sollen.“ Beispielsweise mussten sie sich Bilder oder Worte für kurze Zeit merken.

Vergesslichkeit im Alter: Eine Substanz kann das Kurzzeitgedächtnis verbessern


Und das Ergebnis der Untersuchung ist ein Hoffnungsschimmer: Dopa verbesserte in den Versuchen die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses. Wenn jemand also aus Altersgründen zu wenig Dopa im Körper produziert, so kann zusätzlich verabreichtes Dopa helfen, das Kurzzeitgedächtnis wieder in Schwung zu bringen. Doch das ist nicht ganz ohne Risiken, denn Dopa kann unkontrollierbare Bewegungen hervorrufen - beispielsweise Grimassenziehen.

Beim Langzeitgedächtnis brauchen sich ältere Menschen sowieso zunächst keine Sorgen zu machen, denn diese Erinnerungsstrukturen wurden mit den Jahren so ins Gehirn eingebrannt, dass sie nicht so schnell vergessen werden.
Ob Johanna Norgets Vergesslichkeit auf den Schlaganfall zurückzuführen ist, kann sie nicht sagen. Sie weiß nur, dass sie trotz der aussichtslosen Situation von damals heute wieder spazieren geht, normal sprechen und essen kann. Ihre Genesung ist wohl auf drei Faktoren zurückzuführen: In erster Linie wohl auf die Betreuung durch die Tochter und  auf ihre positive Lebenseinstellung. Auch die Fähigkeit ihres Gehirns, die Aufgaben anders zu verteilen, wenn ein Teil der Zellen zerstört ist, hat bei der Genesung geholfen.
   
 Heike Milz von der Universität Köln macht deutlich, dass dieses Phänomen der Grundstein für eine Rehabilitation nach einem Schlaganfall ist: „Es gibt bei einem normalen, gesunden Gehirn immer Zellen, die nicht genutzt werden. Und genau diese Zellen können nach einem Schlaganfall gezielt aktiviert werden. Physiotherapeuten sagen: Man muss das Gehirn 'einschleifen', also neue Strukturen schaffen. Dies kann man tun, indem man alltägliche Bewegungen übt und regelmäßig wiederholt.“

Genau das hat die Tochter Marie-Louise mit der Mutter gemacht, indem sie mit ihr Kauen, Gehen und Sprechen geübt hat. Dass die Ärzte eine Reha abgelehnt hatten, versteht Heike Milz nicht: „Es ist ganz oft so, dass das Rehabilitationspotential von alten Menschen vollkommen unterschätzt wird.“

Resigniert hat Johanna Norget nie. Sie war immer motiviert, wieder laufen und sprechen zu können. Heike Milz misst der Motivation eine besondere Bedeutung bei: „Wenn ein Patient motiviert ist, dann hilft er bei der Reha mit.“ Es ist sicherlich so, dass bei gleichen Schäden die Menschen mit mehr Motivation bessere Heilungschancen haben, als welche, die resignieren. Natürlich gibt es auch Schäden, die bei noch so großer Motivation nicht heilbar sind. Deswegen muss man entsprechende Ziele suchen. „Die Wechselwirkung zwischen Resignation und Heilung bezieht sich vor allem auch auf den Erfolg der Reha“, erklärt Heike Milz. Das heißt: Ist jemand motiviert, dann macht er bei der Reha mit und kann bessere Ergebnisse aufweisen. Wer resigniert, macht auch bei der Reha nicht so gut mit und entsprechend schlecht sehen seine Veränderungen aus.

Und doch kann nie eine Vorhersage getroffen werden, wie der Patient sich nach der Erkrankung entwickelt, vor allem im Alter nicht. Dazu wissen die Forscher noch zu wenig über den molekularen Prozess des Alterns. Grundsätzlich gilt aber eine hoffnungsvolle Grundeinstellung des Patienten als deutlich heilsamer - zumindest im Vergleich mit der Resignation.

Johanna Norget kann jedenfalls von Erfolg sprechen, wenn sie auf ihren Krankheitsverlauf zurückblickt. Für die Zukunft hat sie noch große Pläne: „Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich noch meinen 105. Geburtstag feiern kann.“


Dieser Beitrag entstand im Zuge des EuroScience Open Forum (ESOF) 2006.


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Foto: Chris Berkeley


Gesund altern

Ein hohes Alter zu erreichen bedeutet nicht immer, auch sofort eine hohe Lebensqualität zu besitzen. Die Lebenserwartung hängtnämlich nicht nur von den Genen, sondern auch von der Sozialisation ab. „Auf Grund der wissenschaftlichen Erkenntnis“, sagt Dr. Eckard Schnabel vom Gerontologischen Institut der Universität Dortmund, „kann man heute sagen, dass 20 bis 30 Prozent genetisch bedingt sind und 70 bis 80 Prozent von der Umwelt beeinflusst werden. Welche Punkte wichtig sind für das gesunde Altern, stellt der Gerontologe vor:



Wirtschaft und Altern



Noch heute verfallen viele Menschen dem Jugendwahn. "Schlanker, straffer, sportlicher" lautet die Devise. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass die Bevölkerung immer älter wird, sind solche Idealvorstellungen überholt, denn niemand kann ewig jung bleiben. Das hat auch die Wirtschaft erkannt. Sie versucht nun, die Bedürfnisse von Älteren zu verstehen und zu befriedigen. Schon 1985 hat Dr. Gundolf Meyer-Hentschel, der als Begründer des Senioren-Marketings in Europa gilt, ein Institut gegründet, dass sich mit 50plus-Marketing beschäftigt. Neun Jahre später hat das Meyer-Hentschel-Institut den Age Explorer vorgestellt: einen Anzug, der jungen Menschen das Alter simuliert. Mit Hilfe dieses Anzugs können Firmen ihre Produkte oder Dienstleistungen an die Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt, anpassen.

Wie man sich diesen Age Explorer vorstellen muss, erklärt der studierte Betriebswirt selbst:


Wellcome Trust Foundation in England

Die englische Stiftung “Wellcome Trust” hat einen Überblick über die am meisten relevanten Themen rund ums Altern zusammengestellt. Auf den  Internetseiten der Stiftung werden Aspekte der Gesellschaft, der Biologie, der Medizin, aber auch ein Ausblick auf Themen wie Anti-Aging, gesund Altern etc. vorgestellt.


Reise nach Ländern:

Reise nach Themen:

Medien über Sterbehilfe | Totgeschwiegen?

© saine / stock.xchng

Über Sterbehilfe zu sprechen ist schwer: Kaum jemand möchte seinen eigenen Tod planen. Ärzte, Angehörige und Gerichte geraten dadurch oft in Konflikte. Doch auch die Medien tun sich bei dem Thema oft schwer. ( zum Text)


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